Wegen der Corona-Pandemie verzichten wir gerade auf vieles und halten durch. Was uns aufrecht hält, ist die Aussicht auf den Impfstoff. Aber wird unser Leben dann wirklich wieder wie vorher? Sophie Stigler entwirft zusammen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Bereichen eine ernüchternde Perspektive.

Kein Urlaub, kein Treffen mit Freunden im Restaurant, keine Umarmungen. Die Corona-Pandemie verlangt uns viel Disziplin ab. Für viele ist die Aussicht auf das Leben danach – wenn es einen Impfstoff gibt – ein Ankerpunkt, der hilft, durchzuhalten. Aber wird es dieses Leben danach geben, wie es Kanzlerin Merkel unlängst versprach? Und wenn ja, wann? Im Frühjahr 2021, oder später? Oder wird es womöglich nie wieder so "wie früher"?

Wann kommt der Impfstoff?

Die erste Frage, die sich stellt, lautet: Wann kommt der Impfstoff? Und direkt schon hier können wir keine verbindliche Antwort geben. Aber immerhin: Die Chancen, dass es einen Impfstoff geben wird, oder sogar mehrere, stehen gut, sagt Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner, der auch die Bundesregierung zum Gesundheitswesen berät.

"Ich war am Anfang auch eher skeptisch, weil es bisher noch keinen Impfstoff gegen überhaupt irgendein Coronavirus gegeben hat. Aber wir können da mittlerweile etwas optimistischer sein."
Wolfgang Greiner, Gesundheitsökonom

Bei der Europäischen Arzneimittelbehörde haben schon bei mehreren Wirkstoffen die Zulassungsprozesse angefangen. Allerdings heißt das erst einmal, dass sich die Behörde die Studien anschaut, während sie noch laufen. Erst wenn sie abgeschlossen sind und belegen, dass die Mittel gut genug vor dem Virus Sars-CoV-2 schützen und sicher sind, werden sie auch zugelassen. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek sagt: "Die Forschung ist im Moment gigantisch schnell."

"Aktuell gehen wir als Forschungsministerium davon aus, dass Mitte nächsten Jahres breite Teile der Bevölkerung geimpft werden können. Sollte es schneller gehen, ist das natürlich toll."
Anja Karliczek, Bundesforschungsministerin

Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass es schneller geht, eher gering. Denn wenn ein Impfstoff zugelassen wird, ist zwar im Prinzip sofort eine Charge an Impfdosen verfügbar. Aber nicht für die gesamte Bevölkerung.

Nicht alle können sofort geimpft werden

Selbst wenn in den Studien und bei der Zulassung alles reibungslos und schnell läuft und Deutschland beispielsweise im Frühjahr ein paar Millionen Dosen bekommt, können nur einige geimpft werden. Und das läuft nach Prinzipien, sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

"Die ersten, die dran sind, werden wahrscheinlich die sein, die in der Pflege arbeiten, oder auch die ein besonderes Risiko haben, etwa die Höchstbetagten."
Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister

Sobald also die ersten Impfdosen an Menschen aus Pflegeberufen und Hochrisikogruppen verteilt sind, müssen wir warten, bis die nächsten fertig produziert sind. Das dauert je nach Art der Impfung unterschiedlich lange.

Aber ein Impfstoff für die Bevölkerung im Sommer 2021 ist wahrscheinlich gar kein so schlechtes Best-Case-Szenario, sagt Journalistin Sophie Stigler.

Pandemie-Entwicklung ist schwierig vorherzusagen

Aber wie geht es dann weiter mit der Pandemie? Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation beschäftigt sich damit, wie sich das Coronavirus ausbreitet. Für sie ist es zur Zeit sehr schwer, verlässliche Modelle zu entwerfen: "Das Schwierige ist, dass uns allen die Zahlen fehlen: Wenn man geimpft ist, ist man zu 50 oder 80 oder 20 Prozent immun?"

Wirksamkeit des Impfstoffs unklar

Eine weitere Frage, die noch offen ist, ist: Wie wirksam wird der Impfstoff sein. Sprich: Wie viele Geimpfte sind schlussendlich auch wirklich immun?

Bei den Masern ist die Quote sehr hoch, berichtet Sophie Stigler. "Nach zweimal Impfen sind 98 bis 99 Prozent der Geimpften auch wirklich immun." Der Chefberater in Coronafragen in den USA, Anthony Fauci, stapelt in einem Gespräch über einen Corona-Impfstoff mit der Brown University deutlich tiefer. Er sagt, die Hoffnung auf eine Wirksamkeit wie bei der Masernimpfung sei nicht sehr groß.

"Ich glaube, wir werden einen wirksamen Impfstoff bekommen. Aber wir wissen nicht, ob es 50 Prozent oder 60 Prozent sein werden. Ich hoffe darauf, 75 Prozent oder mehr zu sehen."
Anthony Fauci, Corona-Chefberater in den USA

Den Wissenschaftlern bleibt im Moment nur das Zahlenspiel. Auch Gesundheitswissenschaftler Wolfgang Greiner geht davon aus, dass der Impfstoff am Ende nur etwa 50 Prozent abdeckt. Natürlich hofft auch er auf mehr.

"Ich kann mir vorstellen, dass wir eine Impfung haben, deren Wirkung beschränkt ist, die vielleicht nur 50 Prozent abdeckt und vielleicht auch nur für sechs Monate wirksam ist."
Wolfgang Greiner, Gesundheitswissenschaftler

Ein Impfstoff, von dem wir wissen, dass er uns nur zu 50 Prozent vor dem Virus schützt. Was bringt uns das? Zumindest ist es mehr Schutz als kein Schutz. Klar. Außerdem würde es bei der Eindämmung von Sars-CoV-2 helfen, so Sophie Stigler.

Bei all den Unsicherheitsfaktoren in Verbindung mit einem Corona-Impfstoff, gibt die Journalistin noch zwei weitere Punkte zu bedenken:

  • Es ist möglich, dass eine Impfung nur verhindert, dass wir selbst krank werden – nicht, dass wir andere anstecken.
  • Es ist wahrscheinlich, dass wir nicht einen, sondern mehrere Impfstoffe brauchen.

Vermutlich werden mehrere Impfstoffe zugelassen

Sebastian Ulbert leitet die Arbeitsgruppe Impfstoff-Technologie am Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig. Im Deutschlandfunk-Interview geht er davon aus, "dass wir mit den ersten Zulassungen wahrscheinlich Anfang nächsten Jahres rechnen können. Da wird es mehrere geben, da bin ich auch relativ sicher." Auch er denkt, dass es zunächst nicht den einen Impfstoff geben wird, der alles kann. Sondern, dass wir uns auf einen Prozess einstellen müssen.

"Es wird sicher so eine Evolution stattfinden. Es werden dann Nachfolgeprodukte kommen, die werden dann auch Schritt für Schritt wirksamer werden, Schritt für Schritt spezifischer werden."
Sebastian Ulbert, Fraunhofer-Institut

Kommen mit dem Impfstoff die Lockerungen?

Angenommen, wir könnten dem Coronavirus im Frühjahr 2021 schon eine oder sogar mehrere zugelassene Impfungen entgegensetzen – was würde sich dann im Alltag ändern? Das Robert Koch-Institut kündigt in einem Strategiepapier an, dass dann trotzdem erst mal weiter gilt: Abstand, Hygiene, Masken – und im Winter am besten auch viel Lüften. Weiterhin seien Veranstaltungen in geschlossenen Räumen und Menschengedränge keine gute Idee.

Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner geht davon aus, dass wir im Frühjahr erhöhte Infektionszahlen sehen werden, auf die aber anders reagiert werden wird als vergangenes Frühjahr. "Man ist jetzt doch mehr auf regionale Maßnahmen, auf punktuelle Maßnahmen, auf stärker wirksame Maßnahmen geeicht." Trotzdem glaubt er nicht, dass wir zu diesem Zeitpunkt wieder unser altes Leben führen werden.

"Ich bin relativ pessimistisch, dass wir im nächsten Frühjahr viel anders leben werden als jetzt."
Wolfgang Greiner, Gesundheitsökonom

Professor Stefan Dübel von der TU Braunschweig warnt: Eine Impfung oder eine andere Behandlungsmöglichkeit zu haben, bedeute noch nicht, dass man technisch riesige Mengen Impfdosen in alle Apotheken der Welt senden kann. "Diese Produktionsphase kann auch noch einmal lange dauern, denn das Ganze muss ja – völlig zu Recht – unter höchsten Qualitätsanforderungen in der Medikamentenproduktion stattfinden."

Bis die ganze Menschheit beliefert werden könne, werde es bis zu einem halben Jahr dauern, so Dübel.

Herdenschutz erreichen wir nur, wenn sich viele impfen lassen

Wolfgang Greiner sieht das ähnlich und rechnet das Szenario vor: Wenn zwei oder drei Impfstoffe da sind, würde es vielleicht noch ein halbes bis ein Jahr dauern, bis wirklich jeder, der möchte, sich impfen lassen kann."

"Da ist man schon mit 60, 70 Prozent ganz gut auf der Straße, dass man die Pandemie als solche im Griff behält."
Wolfgang Greiner, Gesundheitsökonom

Allerdings: Wenn ein erster Impfstoff nur bei 70 Prozent der Menschen anschlagen würde, müssten sich theoretisch alle impfen lassen, damit am Ende auch 70 Prozent immun sind. Das hält Wolfgang Greiner aber für unrealistisch.

"Das Problem sind nicht so sehr die Impfverweigerer, das sind nur sehr wenige. Sondern das Problem für die Impfquote ist eine gewisse Laissez-Faire-Haltung."
Wolfgang Greiner, Gesundheitsökonom

Ein Herdenschutz entstehe erst dann, wenn möglichst viele sich impfen lassen.

Dazu kommt, dass ein Impfstoff höchstwahrscheinlich erst mal nicht für Kinder zugelassen sein wird, weil er an denen nicht getestet wurde. Und auch Menschen mit schwachem Immunsystem könnten aus dem Raster fallen. Der Biotechnologe Stefan Dübel hält es deswegen für einen großen Fehler, nur auf einen Impfstoff zu setzen.

"Bei den Dingen, die wir über die Effizienz von Impfstoffen wissen, ist es durchaus möglich, dass ein Impfstoff eben nicht die Lösung bringen kann."
Stefan Dübel, Biotechnologe

Dübel entwickelt an der TU Braunschweig eine Behandlung mit künstlichen, maßgeschneiderten Antikörpern gegen das Coronavirus, manchmal wird die auch passive Immunisierung genannt. Er sagt, diese Antikörper seien nichts anders als das, was wir im Falle einer erfolgreichen Impfung nach zwei oder drei Wochen selber entwickeln würden.

"Deswegen sind Antikörper eben auch neben der Impfung sehr wichtige Medikamente, die man entwickeln muss. Denn im Gegensatz zur Impfung können Sie Covid-19 heilen."
Stefan Dübel, Biotechnologe

Bis jetzt gibt es zwar Medikamente, die nach ersten Ergebnissen schwere Verläufe von Covid-19 abmildern – aber nicht bei allen Patientinnen und Patienten.

Abstandhalten, Maske tragen: Noch bis mindestens Herbst 2021

Auch der Corona-Chefberater der USA, Anthony Fauci, meint, mit einer Impfung und guten anderen Kontrollmaßnahmen könnten wir die Pandemie unter Kontrolle kriegen und schließlich beenden.

Aber Kontrollmaßnahmen hieße weiterhin: Masken, Hygiene, Abstand halten.

Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner wagt einen vorsichtigen Blick auf den Herbst 2021 und glaubt, dass wir uns dann davon verabschieden können. "In einem Jahr wird es etwas anders aussehen."

Solide Behandlungsmethoden als Basis für Lockerungen

Das heißt aber nicht, dass wir im Herbst kommenden Jahres ganz auf Maßnahmen werden verzichten können. Greiner glaubt, dass die Corona-Regeln bis dahin gezielter eingesetzt werden. Beispielsweise mit einer Maskenpflicht in der in der U-Bahn.

Biotechnologe Stefan Dübel meint: "Wir alle hoffen, dass im Herbst das Ganze insoweit eingeschränkt ist, dass wir genügend solide Behandlungsoptionen haben, damit kein Mensch mehr sterben muss. Und dann kann man natürlich viele Dinge lockern."

Unsicher: Wie lange hält die Immunität?

Wer jetzt innerlich aufatmet, übersieht nur leider eine weitere Unsicherheit, so Sophie Stigler. Auch mit Impfung.

Coronavirus-Modelliererin Viola Priesemann gibt zu bedenken, dass wir nicht wissen, wie lange überhaupt die Immunität anhält. "Das heißt, im Zweifel muss genauso wie mit der Grippe-Impfung in jedem Jahr wieder nachgeimpft werden."

Auch Wolfgang Greiner hält es für wahrscheinlich, dass eine Impfung von Zeit zu Zeit eventuell sogar jährlich wiederholt werden muss.

Von unseren gewöhnlichen Erkältungs-Coronaviren wissen wir schon, so Stefan Dübel, dass wir keine Immunität gegen diese Erkältungsviren dauerhaft entwickeln.

"Wenn der Coronavirus Sars-CoV-2 die gleichen Eigenschaften hier hat, dann ist es sogar möglich, dass wir eben keine dauerhafte Herden-Immunität entwickeln können."
Stefan Dübel

Eine Möglichkeit wäre, dass man den Schutz gegen Sars-CoV-2 und dann vielleicht auch Sars-CoV-3 und Sars-CoV-4 in die jährliche Grippeimpfung integriert, sagt Greiner weiter. Nach den bisherigen Erfahrungen sei ja auch nicht ganz unwahrscheinlich, dass es klappen könne.

Freiheit kommt wieder – aber welche Freiheit

Wie viel Freiheit wir uns nächstes Jahr gönnen können, hängt davon ab, ob es dann eine Impfung oder gute Behandlungsmöglichkeiten gegen Covid-19 gibt. Und wenn es sie gibt, wird entscheidend sein, wie gut diese sein werden – und: wie viele Menschen sie auch in Anspruch nehmen. So oder so müssen wir aber damit rechnen, dass das Coronavirus Sars-CoV-2 bei uns bleiben – und unser Leben, so wie es vorher war, nur ganz langsam wieder zurückkommen wird. Und auch dann ist die Frage, ob es wieder ganz das Alte sein wird.