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Sommer! Sonne! Freiheit! Die Coronapandemie scheint für viele in Deutschland gefühlt überwunden zu sein – oder macht zumindest gerade Sommerpause. Wir wollen endlich wieder was erleben. An die wiedergewonnenen Freiheiten müssen wir uns aber erst mal wieder gewöhnen.

Die Inzidenz ist in Deutschland stabil niedrig, aktuell liegt sie bei bundesweit 17 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in einer Woche. Und auch das Wetter zeigt sich endlich mal angemessen für die Jahreszeit.

Lange Zeit waren Verzicht und Kontaktreduktion angesagt, jetzt sind viele Möglichkeiten auf einmal wieder da - gar nicht so leicht, damit plötzlich wieder klarzukommen. Nach langen Monaten der Pandemie ist das ein Gefühl, dass viele von uns gar nicht mehr kennen oder an das wir uns erst mal wieder gewöhnen müssen: die sogenannte Fomo ("Fear of missing out"), also die Angst, wir könnten etwas verpassen. Anders ausgedrückt: Viele haben das Gefühl, doch jetzt endlich wieder was erleben zu "müssen".

Krasser Zwiespalt

Aber das ist nicht die einzige Angst, die mit den alten neuen Freiheiten kommt. Auf Instagram haben wir vor Kurzem gefragt, wie sich die Lockerungen für euch anfühlen. Von purer Freude bis hin zu Stress, weil "ich die Einzige zu sein scheine, die nicht gleich wieder mit zig Leuten draußen sitzen will" oder weil "die ganzen Urlaubsbilder das Gefühl wecken, zurückgelassen zu werden", war alles dabei.

"Das ist eine neue Situation für uns - auch wenn es eine Rückkehr zum 'normalen' Alltag zu sein scheint."
Ilka Knigge, Deutschlandfunk Nova

Diese Situation ist neu für uns, auch wenn es eine Rückkehr zum "normalen" Alltag zu sein scheint. Deshalb kann es sein, dass wir ein bisschen Zeit brauchen, um wieder reinzukommen und uns an das neue Alte zu gewöhnen, sagt Ilka Knigge von Deutschlandfunk Nova. Es helfe, sich klar zu machen, dass diese Gefühle völlig normal sind - Ängste sind normal.

Viele Leute haben derzeite Ängste

Der erste Schritt sei, die Angst zu identifizieren, sagt der Psychologe André Wannemüller. Es könne sich dabei zum Beispiel um soziale Angst handeln: Sage ich gegenüber meinen Freunden vielleicht peinliche Dinge?

"Ich bin mir vielleicht unsicher, wie soziale Kontakte nach so einer längeren Zeit ablaufen, ob ich mich merkwürdig verhalte, von den anderen komisch bewertet werde, Dinge sage, die mir peinlich sein müssten."
André Wannemüller, Psychologe

Und eine weitere Angst könne auftreten: und zwar die, nicht mehr so bedeutsam zu sein, wie man das vielleicht noch vor der Pandemie war. Werde ich von meinen Freunden oder Bekannten vielleicht nicht mehr berücksichtigt bei Aktivitäten? Werde ich nicht mehr angerufen?

Wer diese Angst hat, der sollte die Freunde einfach ansprechen, empfiehlt der Psychologe. Die Angst bzw. Erwartung, dass man nicht mehr so den Anschluss findet oder die Freundschaft nicht mehr so tragfähig ist, würde sich nämlich in dem Moment, in dem man sich wieder näher kommt, häufig als unbegründet erweisen.

Positive Erfahrungen machen

Wenn wir in der Situation, vor der wir Angst haben, eine positive Erfahrung machen, dann hilft uns das, die Angst abzubauen, so André Wannemüller. Wer also gerade in Gruppen noch ein mulmiges Gefühl hat, der sollte sich trotzdem langsam wieder herantasten – natürlich nur so, wie es die Infektionsgefahr zulässt.

Einsamkeit kann unsere Extraversion, also unsere Neigung zu Geselligkeit und Optimismus, reduzieren, sagt der Psychologe Christian Jarret, der für die BBC schreibt. Als Maßnahme dagegen empfiehlt er, etwas mit Freundinnen und Freunden zu unternehmen, die einen antreiben.

Außerdem sei eine "Best Possible Self Intervention" sinnvoll, also sich jede Woche eine halbe Stunde Zeit zu nehmen und sich vorzustellen: "Alles ist so positiv gelaufen, wie es nur geht. Und da bin ich nun." Ziel der Übung ist es, die Risikobereitschaft zu erhöhen, wirklich etwas für die eigenen Wünsche zu tun. Und zu denen gehört es ja vielleicht, wieder mehr rauszukommen – oder auch, sich mehr Auszeiten zu nehmen.

Falls eure Ängste überhandnehmen, lasst euch helfen!

Wenn ihr euch im Familien- und Freundeskreis keine Hilfe suchen könnt oder möchtet, könnt ihr euch zum Beispiel an die Telefonseelsorge wenden: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreicht ihr rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen ihr anonym und vertraulich über eure Sorgen und Ängste sprechen könnt. Auch ein Gespräch via Chat oder E-Mail ist möglich.