Na? Lust auf eine Diskussion auf Twitter oder Facebook über Extremismus, Fleischkonsum, Diesel-Verbote, Umweltschutz oder Sexismus? So was kann schnell ausarten. Moderator Daniel Bröckerhoff weiß, wie ihr euch gegen die Eskalation wehrt.

Es ist heute so einfach wie noch nie, für viel Aufregung und Aufmerksamkeit zu sorgen. Manchmal reicht nur ein simpler Tweet mit einer steilen These. Nicht nur Donald Trump hat das professionalisiert, auch andere User hauen gerne mal einen Spruch raus - die Eskalation kommt dann ganz von alleine. 

Daniel Bröckerhoff machte den Social-Media-Cut

Daniel Bröckerhoff ist Moderator und Social-Media-Dozent und kennt das. Mehr als 60.000 Tweets in zehn Jahren auf Twitter verraten: Er ist in den sozialen Medien zu Hause. Und er hat dort mehr als eine Eskalationsspirale miterleben können. 

Dann kam der Bruch: Voriges Jahr musste sein gerade geborenes Baby ins Krankenhaus, vier lange Wochen. Und Daniel hatte Besseres zu tun, als Debatten auf Facebook zu verfolgen. "Da habe ich gemerkt, wo die wichtigen Sachen im Leben stecken." Danach hatte er sich von Social Media entfremdet.

"Ich habe relativ lange auf Social Media verzichtet und merkte danach: Das hat mir richtig gut getan."
Daniel Bröckerhoff, Moderator und Social-Media-Dozent

Als er wieder zurück im Netz war, fiel ihm so richtig auf, wie schnell in den sozialen Medien ein Shitstorm aufzieht - und er hat sich genauer angeguckt, wie diese Erregungsspirale funktioniert: Die Kommunikation in den sozialen Medien ist kurz und prägnant, erklärt er, es fehlen Klang der Stimme, Gesten, Mimik. Das führt dazu, dass bei uns im Kopf automatisch eine Stimme entsteht, sagt Daniel Bröckerhoff: "Je nachdem, wie du zu mir eingestellt bist, kommen dann Vorurteile ins Spiel, findest du das dann total hervorragend oder mega ätzend."

"Es gibt jede Menge Reizthemen, die etwas mit dir selber zu tun haben, wo ein Außenstehender vielleicht gar nicht versteht: Wieso geht der oder die gerade so ab?"
Daniel Bröckerhoff, Moderator und Social-Media-Dozent

Außerdem hat jeder von uns eigene Trigger, die ihn auf die Palme bringen können. Manchen sind Gesundheitsthemen besonders wichtig, andere regen sich über die Energiewende auf, wer sich etwa für Frauenrechte einsetzt, liest Tweets von Männern zum Thema besonders kritisch, bei anderen ist es das Tempolimit. "Das verstehen teilweise die Betroffenen gerade selber nicht, was da in der Psyche ganz tief in ihnen los ist", so Daniel.

So bewahrt ihr Ruhe bei hitzigen Netz-Debatten

Die Eskalation lässt sich aber entschärfen - und dafür müssen wir alle bei uns selbst anfangen. Auf Meedia.de hat Daniel Bröckerhoff dafür zehn Fragen verfasst, die sich jede und jeder von uns stellen kann, bevor wir uns in die nächste Diskussion stürzen. Hier sein leicht gekürzter Fragenkatalog:

  1. Warum konsumiere ich gerade dieses Medienprodukt und kein anderes?
  2. Warum rege ich mich gerade auf?
  3. Hat es jemand darauf angelegt, dass ich mich aufrege?
  4. Ist es möglich, dass ich etwas falsch verstanden habe?
  5. Wem nutzt es, wenn ich meine Erregung mitteile?
  6. Wie kann ich dafür sorgen, dass daraus nicht noch mehr Erregung entsteht? 
  7. Würde ich das Geschriebene morgen so auch noch schreiben?
  8. Sind die Diskutanten an einem konstruktiven Austausch interessiert?
  9. Welche Perspektive nimmt mein oder meine Gegenüber in Diskussionen ein?
  10. Wäre es vielleicht eine bessere Idee, das Handy oder den Computer beiseitezulegen und stattdessen eine Runde zu entspannen?

Für Daniel ist der zweite Punkt die einfachste und auch die schwerste Frage: "Da muss man in sich selber reingehen und fragen: Was ist das, was mich da so anpikst?" 

Darum rät er, beim Kommentieren als erste Reaktion immer: sein lassen! Erst den Tweet oder Kommentar schreiben, speichern und in zehn Minuten noch einmal anschauen, fragen: "Würde ich das jetzt auch noch so sagen?" Damit wäre schon viel erreicht - und so manche Diskussion würde nicht so absurd eskalieren.

Mehr zum Thema: