Wie sieht das Darknet aus, das für viele Menschen so beängstigend wie anziehend ist? Der Journalist Stefan Mey hat eine Reise an den Ort gemacht, an dem vieles beieinander liegt: illegaler Kommerz und ethische Abgründe, aber auch die Hoffnung auf ein besseres Internet.

Für sein Buch "Darknet: Waffen, Drogen Whistleblower - wie die digitale Unterwelt funktioniert" hat sich der Journalist Stefan Mey in monatelangen Recherchen ein eigenes Bild vom Darknet gemacht. Für ihn ist klar: Das Darknet ist ein widersprüchlicher Ort, mit ganz unterschiedlichen Seiten. Deshalb unterscheidet er in seinem Buch auch zwischen dem guten, politischen Darknet, dem bösen Darknet und dem kommerziellen Darknet.

Zu letzterem gehören vor allem die großen Marktplätze, denen Stefan Mey bei seiner Recherche viel Zeit gewidmet hat. "Das ist auf den ersten Blick eine völlig andere Welt und auf den zweiten Blick wirkt sie seltsam vertraut, weil sie sehr Amazon und eBay ähnelt", sagt der Journalist. Auf den Marktplätzen werde alles Mögliche angeboten: Drogen, Medikamente, Falschgeld, gefälschte Pässe und teilweise auch Waffen.

"Diese Marktplätze sind Orte, an denen die Gesetze überwiegend außer Kraft gesetzt sind, aber es sind keine komplett ethikfreien Orte."
Stefan Mey
© Ralf Rühmeier
Buchautor Stefan Mey

Trotz der Illegalität gebe es auf den Marktplätzen im Darknet
gewisse Regeln, sagt Stefan Mey. Der Handel mit Organen oder Menschen sei verpönt, und vor allem beim Thema Kinderpornografie gebe es den klaren Konsens, dass das ethisch verwerflich sei. "Wer auf die Idee kommt, das anzubieten und nachzufragen, der würde sofort runterfliegen oder gehackt werden."

Anonymität: Fluch und Segen

Beim Thema Drogen gebe es diesen Konsens nicht, sagt Stefan Mey. Im Zuge seiner Recherche hat er auch mit zwei Marktplatzbetreibern kommuniziert und festgestellt, dass sie für vieles eine moralische Rechtfertigung gefunden haben – obwohl sie meistens aus ökonomischen Motiven heraus handeln. Und das Interessante dabei: Die Anonymität im Darknet führt auf den Marktplätzen zu einem besseren Service, sagt Stefan Mey.

"Normalerweise führt Anonymität im Internet dazu, dass Leute plötzlich total ihre Manieren verlieren und rumpöbeln. Und im Darknet gibt es interessanterweise den komplett gegenteiligen Effekt."
Stefan Mey

Aber auch wenn bestimmte Dinge wie Kinderpornografie auf den
großen Shoppingseiten tabu sind, gibt es Seiten, auf denen sie auftaucht. Und da liege gleichzeitig das größte Problem des Darknets, sagt Stefan Mey: Die Anonymität, die das Darknet bietet, ist auch für Menschen interessant, die keine ethischen oder moralischen Prinzipien haben. Und das werde sich nie komplett verhindern lassen, wenn die Technologie in der Form beibehalten werden soll, sagt der Journalist.

Potential zum besseren Internet?

Trotz aller negativen Seiten - Stefan Mey findet: Die Idee, die hinter dem Darknet steckt, ist eine gute – vor allem in Zeiten von immer mehr Überwachung. "Der Staat versucht immer mehr, diese digitale Technologie zu nutzen, um mehr Kontrollmöglichkeiten zu bekommen“, sagt Stefan Mey. "Das Darknet ist ein möglicher Gegenentwurf". Und er fügt hinzu: "Er ist noch völlig unperfekt."

Doch das Darknet hat in Stefan Meys Augen das Potential, ein Reboot unseres aktuellen Internets zu sein. Ein Netz, in dem weder der Staat noch eine Handvoll großer Konzerne unsere Daten sammeln und damit handeln oder uns überwachen. Deshalb sieht der Journalist das Darknet auch als Hoffnung - besonders auch für politische Akteure, die bisher nur vereinzelt im Darknet aktiv sind.

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