Zurück zur Natur, in eine unberührte Umgebung – das hat nicht nur für Menschen seinen Reiz, sondern auch für Tiere. Allerdings ist es für die oft ungleich schwerer, überhaupt noch unberührte, ursprüngliche Gebiete zu finden. Aber es gibt auch Erfolgsgeschichten – wie die der Sumpfschildkröte.

Die Sumpfschildkröte galt in den späten 1990er Jahren in ganz Europa als nicht mehr vorhanden. Und nur dank einer kleinen Gruppe von Optimisten in Hessen konnten die letzten Exemplare gefunden werden. Diese Tiere waren der Grundstein für ein ganz besonderes Zucht- und Auswilderungsprogramm. Unsere Reporterin Yvonne Koch ist neugierig geworden und hat die Schildkrötenretter im Opelzoo bei Frankfurt besucht. 

"Wenn die Schildkröten schlüpfen, sind sie winzig klein und dann sehr anfällig gegen alle Fressfeinde, das heißt Elstern, Raben, Waschbären, was auch immer. Alle fressen gern diese kleinen Schildkröten."
Martin Becker, Zoopädagoge

Die Schildkröten sind nach dem Schlüpfen nur so groß wie ein Zweieurostück und der Panzer ist noch ziemlich weich. Fressfeinde können ihn leicht knacken. Erst nach zwei bis drei Jahren ist der Panzer hart und die Tiere groß genug – etwa handtellergroß. Und genau so lange bleiben die kleinen Schildkröten in der Aufzuchtstation. Hier werden sie gefüttert und sie bekommen eine optimale Umgebung. Mit Verstecken und mit Sonnenplätzen. Und ab und zu gibt es sogar vorgewärmtes Wasser. 

Sumpfschildkröte
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Ist ziemlich anspruchsvoll - Sumpfschildkröte

Ohne vorgewärmtes Wasser, dafür aber fast ganz ursprünglich sind die Lebensbedingungen für die Sumpfschildkröte in der sogenannten Hölle von Rockenberg, eine halbe Stunde von Frankfurt entfernt. Dieses Naturschutzgebiet ist umzäunt, aber gut einsehbar und dort trifft sich Yvonne Koch mit der Biologin Sibylle Winkel. Sie hat es geschafft, dass es Sumpfschildkröten in Deutschland überhaupt wieder in freier Wildbahn gibt. 

Die Schildkröten, die in Deutschland sonst in freier Wildbahn zu beobachten sind, wurden meist ausgesetzt und haben sich dann vermehrt. Wie die Rotwangen-Schmuckschildkröte, die eigentlich aus Nordamerika stammt, mittlerweile aber ein häufiger Gast in deutschen Entenweihern ist. 

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Sie haben bei Naturschützern, Wildhütern, Förstern und Landwirten in verschiedenen Bundesländern nachgefragt. Ihr Glück war, dass Schildkröten ziemlich alt werden, auch wenn sie alleine leben. Und so konnten tatsächlich einzelne Überlebende der Art gefunden werden – teilweise in Gefangenschaft, manche sogar im Freiland. All diese Exemplare haben sie in Zuchtgruppen zusammengebracht und so das Comeback der Sumpfschildkröte vorbereitet. 

Wer verstehen will, warum die Tiere fast ausgestorben sind, muss wissen, dass die Sumpfschildkröte bei uns nie eine Massentierart war. Besonders schwer hatten sie es zur Fastenzeit. 

"Die Sumpfschildkröte galt in den 90er Jahren bereits als ausgestorben. Ein paar Freunde der Schildkröte und auch ich, wir haben uns zusammengerottet und haben gesagt, das wollen wir so nicht einfach glauben, wir gucken da ganz genau hin."
Sibylle Winkel, Biologin

Danach haben die Menschen begonnen, Flüsse zu begradigen. Und auch die Flussauen wurden immer seltener. Das hat den Schildkröten den Rest gegeben. Deshalb haben Sibylle Winkel und ihre Mitstreiter 1999 das "Artenschutzprojekt Europäische Sumpfschildkröte" gestartet – und damit begonnen, den Tieren ein neues Zuhause zu suchen. Dabei setzen sie besonders auf Flussauen, wo die Tiere auch ursprünglich herkommen. Eine Sumpfschildkröte ist nämlich ziemlich anspruchsvoll. 

Wie ihr Name schon sagt, braucht sie sumpfiges Gelände, aber auch kleine Gewässer in den die Jungtiere heranwachsen können. Und wenn das geklappt hat, zieht es die Tiere auf magere, sonnenbeschienene Hänge, an denen sie ihre Eier vergraben können. Ab dann wird, wie das bei Schildkröten üblich ist, das Ausbrüten der Sonne überlassen.

"Bis ins Mittelalter, wurde sie als Fastenspeise massenweise gefangen und gegessen, weil damals die Regel galt: Alles, was aus dem Wasser kommt, ist Fisch und das darf man essen zur Fastenzeit."
Sibylle Winkel, Biologin

Ein Paradies für Sumpfschildkröten

Die Hölle von Rockenberg ist genau so ein Ort. Ein Paradies für Sumpfschildkröten: ein mehrere Hektar großes Naturschutzgebiet mit kleinen Hügeln, Schilf und Baumstümpfen. Langhaarige Hochlandrinder halten hier das Gras niedrig, sodass die Schildkröten ihre Eier leicht vergraben können und diese dann auch genügend Sonne abkriegen. Stören sollte man die Tiere nach dem Auswildern erst mal nicht, sagt Sibylle Winkel. Sie reicht Yvonne ihr Fernglas und zeigt auf einen Stein, der aus dem Wasser ragt – und tatsächlich, da sitzt eine ausgewachsene Schildkröte, etwa so groß wie zwei Hände. Ihr dunkelgrün-schillernder Panzer hebt sich deutlich vom Stein ab. 

Über 300 Tiere haben Sibylle Winkel und ihre Mitstreiter in solchen Naturschutzgebieten schon ausgewildert. Sie vermehren sich mittlerweile nachweislich weiter – und das ganz ohne fremde Hilfe.