1918 - Deutschland ist kein Kaiserreich mehr und wird zur parlamentarischen Demokratie: Erst ruft Philipp Scheidemann am 9. November die Republik aus, dann dankt am 28. November Kaiser Wilhelm II. ab. Der Historiker Martin Sabrow erzählt, wie sich die Hohenzollern seither in der Öffentlichkeit präsentieren.

Deutschland und die Hohenzollern – das ist ein Kapitel für sich. Martin Sabrow vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) sagt, das Verhältnis der Hohenzollern zur Gesellschaft und umgekehrt nach 1918 sei "verworren und verschlungen". In seinem Vortrag dröselt er dieses zwiespältige Verhältnis auf. Und indem er das tut, beantwortet er die Frage, wie es sein kann, dass die Hohenzollern seit Sommer 2019 Ansprüche gegenüber der Bundesrepublik erheben.

"Anders als in Österreich, wo das Vermögen der Habsburger mit Ausnahme eines kleinen Teils zugunsten der Kriegsopfer enteignet wurde, betrachtete man in Deutschland die Vermögensauseinandersetzung nicht als politische, sondern als rechtliche Frage. Eine Ausnahme."
Martin Sabrow, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Die Geschichte der ehemaligen Kaiser-Dynastie

Martin Sabrow erklärt unter anderem, wie wirkmächtig die restaurative Strömung nach 1918 war – vor allem kulturell. Er beschreibt, wie die Frage nach dem Vermögen der ehemaligen Kaiser-Familie auch in den 20er Jahren diskutiert wurde, wie sich prominente Angehörige der Familie öffentlich inszenierten und wie das Politische des Hauses Hohenzollern musealisiert wurde.

Ein Gruppenfoto der Familie Hohenzollern aus dem Jahr 1922
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Die Familie Hohenzollern im Jahr 1922

Die Hohenzollern und die Nazis

Der Historiker beleuchtet nicht zuletzt auch das sogenannte Ausgleichsleistungsgesetz von 1994, das "Personen, die dem Nationalsozialismus erheblichen Vorschub geleistet haben", von jeder Entschädigung ausschließt.

"Was unter erheblicher Vorschubleistung zu verstehen sei, wurde im sogenannten Hugenberg-Urteil 2005 durch die Kriterien einer gewissen Stetigkeit und einer nicht ganz unbedeutenden Wirkung präzisiert und auf die Zeit vor der nationalsozialistischen Machtergreifung eingegrenzt."
Martin Sabrow, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Wer benutzte wen im Verhältnis Nationalsozialismus und Hohenzollern? Dazu gibt Martin Sabrow eine eindeutige Antwort:

"Nicht die Hohenzollern nutzten die NS-Bewegung als trojanisches Pferd der Restauration, sondern die Nazis bedienten sich des monarchischen Renommees  – solange es ihnen dienlich war."
Martin Sabrow, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Martin Sabrow ist einer der beiden Direktoren des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Er lehrt Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seinen Vortrag mit dem Titel "Die Hohenzollern in der Öffentlichkeit nach 1918" hat er am 15. September 2020 im Rahmen der Reihe "Streitfall Geschichte" im Filmmuseum Potsdam gehalten.