Großbritannien war nicht immer eine Insel. Noch vor 10.000 Jahren war das Land mit Europa verbunden. Denn da, wo heute Nordsee ist, gab es an vielen Stellen noch Land: Doggerland. Nach den Spuren der Menschen, die dort gelebt haben, sucht nun ein Forscherteam. 

Zwischen Dänemark, Deutschland, Niederlanden, Belgien und Großbritannien gab es vor 10.000 Jahren weite Landflächen, wo steinzeitliche Jäger und Sammler gelebt haben. Fischer haben die Anhaltspunkte dafür geliefert: Wenn sie heute ihre Netze über den Meeresgrund ziehen, in bestimmten Bereichen der Nordsee, dann landen darin manchmal Harpunen oder andere menschliche Werkzeuge. 

Steinzeitliche Jäger und Sammler lebten in Doggerland

Nach allem, was heute bekannt ist, war Doggerland eine flache Landschaft mit vielen Wasserläufen, Feuchtgebieten und Hügeln, auf denen Kiefern und Birken wuchsen. Am Ende der Eiszeit war das offenbar eine ziemlich gute Gegend zum Leben, erzählt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Anne Preger. Wir denken bei Feuchtgebieten vielleicht zuerst an Mücken, Matsch und nasse Füße. Aber dort leben Vögel, Wild und an der Küste gibt es Muschelbänke - und all das ist essbar. Simon Fitch von der Uni Bradford erforscht, dass die Menschen damals mit einer Art Kanu über die vielen Flüsse gefahren sind, um alles Nötige zu besorgen. 

"For transportation and for trade with people, rivers were key highways in and around the landscape. So this landscape with its rivers, its wetlands, it would've been perfect for people to live, because they were able to gather all the food they need."

Simon Fitch war mit einem britisch-belgischen Forscherteam auf einer Expedition in der Nordsee: Sie haben sich vor allem eine bestimmte Gegend im Süden von Doggerland angeschaut. Die heißt auf Englisch Brown Bank. Das ist heute eine 30 Kilometer lange Sandbank in der Mitte zwischen den Niederlanden und England, mindestens 15 Meter unter dem Wasser. Dort suchen die Forscher nach Überresten von menschlichen Hütten, Lagerplätzen, wo vielleicht mehrere Familien gelebt haben. Wenn sie so etwas am Ende finden würden, wäre das für die Forscher aus Bradford, Gent und Ostende ein toller Erfolg.

Die Suche nach den Überresten ist ziemlich aufwendig. Das Projekt dauert insgesamt zwei Jahre. Bei der ersten Expedition im April ging es darum, mit Hilfe von seismischen Messungen zu erfassen, wie der Untergrund aussieht und wo früher Hügel und Flusstäler verliefen, als der Meeresspiegel das Land noch nicht geflutet hat. 

"Sometimes you look out on the boat and you think, you know: 'Gosh, if someone pulled the North Sea drain plug and it all disappeared. It would be an absolutely fantastic view and you just wonder what these people would have experienced and it gets you thinking.'"
Simon Fitch, Archäologe an der Uni Bradford

Aus Doggerland wurde vor 10.000 Jahren ziemlich schnell eine Doggerinsel. Die Gletscher der Eiszeit sind nach und nach abgeschmolzen, der Meeresspiegel stieg immer weiter an. Und zwar so schnell, dass Menschen es damals ganz klar gemerkt haben. Ein Großvater von damals vielleicht 50 Jahren hätte seinem Enkel wahrscheinlich sagen können: "Guck mal, da wo ich groß geworden bin, ist jetzt das Meer." Das geht jetzt, 9000 Jahre später, Menschen an einigen Orten auf der Welt auch so, in Zukunft durch den Klimawandel noch öfter. Simon Fitch und seine Kollegen sehen durchaus Parallelen zu heute.

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