Das vereinte Deutschland feiert in diesem Jahr sein dreißigstes Jubiläum. Die meisten von uns waren noch nicht geboren oder Kinder, als die Mauer gefallen ist. Warum wir trotzdem mit unseren Eltern über die DDR sprechen sollten, hört ihr in dieser Ab 21.

Er ist erst ein Jahr vor der Wiedervereinigung in Ost-Berlin geboren, und dennoch hat Journalist und Autor Johannes Nichelmann einen großen Bezug zur DDR. Seine Familiengeschichte und andere hat er in seinem Buch Nachwendekinder aufgeschrieben.

Sein Vater habe nie über seine Zeit als Grenzsoldat gesprochen und ist ziemlich wütend geworden, als Johannes als Kind seine alte NVA-Uniform beim Spielen im Keller gefunden hat. Erst vor Kurzem, fast dreißig Jahre später, hat er zum ersten Mal mit seinem Sohn detailliert über die Zeit vor dem Mauerfall gesprochen. Er habe vorher Angst gehabt, verurteilt zu werden.

"Es ist schon eine gute Idee gewesen, dass ich in einem vereinten Deutschland aufwachsen durfte."
Johannes Nichelmann, Autor und Journalist

Das Interview habe beiden geholfen, sich besser zu verstehen. Warum Johannes in seiner Schulzeit in Bayern mit Ost-Klischees kämpfen musste und wie er damit umgegangen ist, erzählt er uns im Podcast.

Wenn wir mit unseren Eltern über die Vergangenheit sprechen, verstehen wir ihre Werte besser

In Gesprächen mit den eigenen Eltern würden Kinder ein besseres Verständnis für ihre Wurzeln bekommen, sagt Psychologin Heike Buhl. Sie erforscht die Beziehung zwischen Erwachsenen und ihren Eltern und weiß, dass Gespräche über die Vergangenheit oft anlassbezogen stattfinden.

Die Geburt des eigenen Kindes führt zum Beispiel dazu, dass viele mehr über ihre eigene Kindheit früher und ihre Wurzeln wissen wollen: "Eltern brauchen einen Antrieb beziehungsweise Anker, um ihre eigene Geschichte zu erzählen."

"Es können Konflikte entstehen, wenn die Erinnerungen und Werte der Eltern von den Kindern nicht wertgeschätzt oder verstanden werden."
Heike Buhl, Psychologin

Deshalb sei es auch völlig in Ordnung, wenn wir unsere Eltern direkt nach Erinnerungen fragen – zum Beispiel wo sie am Tag des Mauerfalls waren, wie sie sich kennengelernt haben oder warum sie sich damals für einen bestimmten Beruf entschieden haben: "Es ist meistens für die Beziehung gut, wenn man über eigene relevante Punkte in der Vergangenheit spricht."

Zeitenwende: Auch jüngere Menschen haben wichtige Erinnerungen an die DDR

Wenn sie an die DDR zurückdenkt, hat Historikerin Kerstin Lorenz nur noch ein paar konkrete Erinnerungen. Schließlich war sie zurzeit der Wiedervereinigung erst neun Jahre alt. Seit Kurzem spricht die gebürtige Dresdenerin mit ihrer Familie über die Zeit vor dem Mauerfall. Aber sie beschäftigt sich als Historikerin auch beruflich mit dem Thema und spricht für das Lernportal Zeitenwende mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

"Vor zehn, fünfzehn Jahren ist kein Gespräch über die Vergangenheit zustande gekommen und heute erzählt meine Familie sehr ausführlich und ich erfahre eine größere Bereitschaft."
Kerstin Lorenz, Historikerin

Die Zeitzeuginnen sind allerdings oft erst in ihren Dreißigern und waren bei der Wiedervereinigung noch Kinder. Die sogenannte dritte Generation Ostdeutschlands hat zum Teil ähnliche Erinnerungen und doch sind alle Geschichten unterschiedlich: "Man kann mit diesen Geschichten kein DDR-Bild bestätigen."

Wissenswertes über 30 Jahre Wiedervereinigung

  • 90 Prozent der Bevölkerung sind mit der Lebensqualität in Deutschland zufrieden, 83 Prozent in Ostdeutschland und 91 Prozent in Westdeutschland. Das hat eine Forsa-Umfrage im März 2020 ergeben.
  • Sie hat auch gezeigt, dass neun von zehn Deutschen mit der Wiedervereinigung zufrieden sind, sich aber über die Hälfte der Ostdeutschen immer noch als Bürger zweiter Klasse fühlen.
  • Im Osten Deutschlands arbeiten mehr Frauen und bekommen auch fast doppelt so viel Altersrente. Sie nehmen kürzere Elternzeiten und arbeiten mehr Stunden pro Woche. Allerdings verdienen sie bei gleicher Leistung durchschnittlich 62 Euro weniger, als Frauen im anderen Teil des Landes, das ergeben Zahlen des Bundes Deutscher Rentenversicherungen von 2018.
  • 2017 sind erstmals mehr Leute von West- nach Ostdeutschland gezogen als andersherum. Laut Statistischem Bundesamt sind bis 2016 immer mehr Leute von Ost nach West gezogen, dieser Trend war gerade in den ersten Jahren der Deutschen Einheit sehr stark, ist nun aber gestoppt.