Amok ist Männersache: 90 bis 95 Prozent der Täter sind männlich. Und er ist eine spezifisch männliche Art, Benachteiligung und Ausgrenzung zu kompensieren. Nach Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" verübten in Europa und den USA seit den 70er-Jahren nur neun Frauen Amoktaten.

Die Motivation: Einmal Allmacht statt Ohnmacht fühlen

Eine Studie der Western New Mexiko University zeigt: Die in der Regel männlichen Täter waren meist depressiv und sozial isoliert. Außerdem sahen sich um ihre Vorherrschaft als weiße Angehörige der Mittelschicht gebracht und als "Opfer einer Ungerechtigkeit". Mit ihrer Tat suchen sie demnach nach Ruhm, wollen ihre Ohnmacht in Allmacht verwandeln. Das Auslöschen der Anderen wird für sie zur ultimativen Kontrolle. Aber warum nur Männer?

Die männliche Rolle: heldenhaft und kämpferisch

Hier ist ein Blick auf die gängigen Geschlechterrollen aufschlussreich. Denn viele Gesellschaften erwarten von ihren Männern, dass sie über Eigenschaften verfügen, die ihnen die Kontrolle über ihre Umwelt erlaubt: stark, heldenhaft, durchsetzungsfähig und kämpferisch. Diesen Idealen nicht zu genügen, und beispielsweise als männlicher Jugendlicher Schwächen, Unsicherheiten oder Zweifel zu zeigen, kann frustrieren. Untersuchungen bestätigen: Die Täter sind meist in einer desolaten Lage, einer Krise.

Konkurrenzdruck und Ausgrenzung machen aggressiv

Der Philosoph Franco Berardi erklärt die Situation unabhängig von Geschlechterrollen. Der globale Kapitalismus macht uns nach Berardi alle zu Konkurrenten. Beispielsweise im Job, unter Kollegen, aber auch auf globaler Ebene. Zum Beispiel in einer bipolaren Welt "West gegen Ost". Dieser ständige Vergleich und der daraus entstehende Leistungsdruck könne psychisch krank machen.

Viele der Männer, die getötet haben, gelten als Looser. So auch David S., der in einem Video erzählt, dass er gemobbt wurde und aus einer Hartz-IV-Gegend kommt. Einige dieser Ausgegrenzten, so Berardi, wollten eben auch einmal der Sieger sein.

Die Tat als Ventil

Einen anderen Fokus setzt der Männlichkeitsforscher Klaus Theweleit. Er weist darauf hin, dass nicht alle Ausgegrenzten und Armen zu Killern werden. Nach Meinung von Theweleit ist bei den Tätern - meist jungen Männern in der Pubertät oder etwas später - die Entwicklung ihres Körperverhältnisses gestört. Mit den Amoktaten, die sehr körperliche Vorgänge seien, "verlebendigten" sie sich für einen kurzen Augenblick und erlebten das als "Druckabfall".

Frauen und Amok passen nicht zusammen

Mädchen und Frauen gehen mit Störungen des Körperbewusstseins oder dem gesellschaftlichem Druck des Kapitalismus anders um. Sie verfügen über andere Handlungs- und Rollenmuster. In Problem- oder Krisensituationen richtet sich die Aggression weniger gegen andere, sondern eher gegen sich selbst. Zudem ziehen sie sich zurück. Im Idealfall besprechen sie sich mit anderen.

Was wir tun können

Drei Dinge sind aus Sicht von Julia Fritzsche besonders wichtig, um der Tötungswut junger Männer vorzubeugen:

  1. Das Bild vom starken Mann überarbeiten; damit Männer mit aller Selbstverständlichkeit weinen können.
  2. Bestimmten Bevölkerungsgruppen nicht das Gefühl geben, sie seien etwas besseres. Weder Männern, Weißen, noch Wohlhabenden. Andernfalls könnte es sie frustrieren, wenn das gar nicht zutrifft.
  3. Möglichst viele Lebensbereiche kooperativ und solidarisch statt in Konkurrenz gestalten.