Wut, Angst, Freude, Trauer – Gefühle sind unser täglicher Begleiter in allen Lebenslagen. Ein neuer Forschungsbereich untersucht nun seit einigen Jahren auch, wie sich Gefühle im Laufe der Geschichte verändert haben und vor allem: wie sich unser Umgang mit Gefühlen verändert hat.

Frederik Schröer ist einer der Menschen, der diese Fragen beantworten kann. Er erforscht die Geschichte der Gefühle, ein neuer Forschungsbereich, den es erst seit 2008 gibt, am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Sein Forschungsbereich geht davon aus, erklärt Frederik, dass auch Gefühle eine eigene Geschichte haben. Sie sind also nicht universell, sondern treten kulturell und historisch unterschiedlich auf.

Ausdruck und Objektiv von Emotionen im ständigen Wandel

Ein Beispiel ist dafür die Angst. Das, wovor wir Angst haben, hat sich in der Geschichte immer wieder verändert. Früher hatten Menschen beispielsweise Angst vor dem Feuer oder vor dem dunklen Wald. Heute haben wir eher aufgrund der Klimakrise Angst um den Wald. Viele Ängste – ­­wie die Angst vor einem Atomkrieg oder eben die Angst vor dem Klimawandel – seien auch abstrakter heutzutage, erklärt Frederik Schröer.

"Menschen haben sich zu früheren Zeiten vor ganz anderen Sachen gefürchtet als wir uns heute fürchten. Früher hatte man Angst vor dem dunklen Wald – heutzutage haben wir vielleicht eher Angst um den Wald."
Frederik Schröer, Gefühlshistoriker am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Dazu kommt die Dimension des Gefühlsausdrucks, der sich historisch und kulturell oft unterscheidet. Beispielsweise verbinden wir einen bestimmten Gesichtsausdruck mit der Angst: eine Person, die einen mit weitaufgerissenen Augen anstarrt. In anderen Kulturkreisen wird diese Mimik eher als Interesse verstanden, erklärt Frederik Schröer.

Gefühle begleitet mit einer Wertung

Doch Gefühle haben nicht nur eine eigene Geschichte, sie beeinflussen und bewegen auch die Geschichte vieler Dinge – und sie gehen oft mit einer Wertung einher.

"Bei Gefühlen kommt auch immer viel Wertung mit rein."
Frederik Schröer, arbeitet an der Geschichte der Gefühle am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Bei der ehemaligen Kanzlerin Angela Merkel wurde beispielsweise häufig angemerkt, wie positiv es sei, dass sie immer so einen kühlen Kopf bewahre und selten Emotionen zulasse beziehungsweise zeige. Wertend ist das vor allem, weil immer noch das Vorurteil vorherrscht, dass Frauen, die ihre Gefühle nicht im Griff haben, hysterisch seien, erklärt Frederik Schröer.

Auch Bundeskanzler Olaf Scholz wird dafür kritisiert, dass er zu selten Emotionen zeige. Das habe ebenfalls mit Vorurteilen gegenüber bestimmten Geschlechterrollen zu tun: Gerade bei Themen wie einem Krieg erwarte man von Männern, dass sie Emotionen zeigen.

Gefühle heute: reflektiert und instrumentalisiert

Grundsätzlich beobachtet Frederik Schröer aber, dass der Umgang mit Gefühlen heutzutage ein anderer und vor allem im Privaten deutlich offener ist. Wir gehen mittlerweile reflektierter mit unseren eigenen aber auch den Gefühlen der anderen um. Das ist eine Folge, dass psychologische Themen in unserer Gesellschaft auch häufiger thematisiert werden.

"Wir machen uns heutzutage viel mehr Gedanken über unsere eigenen Gefühle und auch über die Gefühle der anderen."
Frederik Schröer, Gefühlshistoriker am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Auf der anderen Seite führt das aber auch dazu, dass Gefühle in unserer Gesellschaft stärker instrumentalisiert und genutzt werden – zum Beispiel als Mittel in der Politik oder für Werbung.