In einem Bienenstock haben alle Bienen das gleiche Genmaterial. Nur eine von ihnen wird Königin. Dabei hat jede Biene das Königinnen-Gen - allerdings ist es nur bei einer eingeschaltet. Bleibt die Frage: Wo ist der On-Off-Schalter für Gene?

Anfang der 90er Jahre treffen sich zwei Forscher aus Kanada in einer Bar in Madrid, der Epigenetiker Moshe Szyf und sein Kollege Michael Meaney. Meaney erzählt von einem seltsamen Phänomen: Rattenjunge, die von ihren Müttern intensiv umhegt und abgeschleckt wurden, waren als erwachsene Ratten weniger gestresst. Junge, die von ihren Müttern vernachlässigt oder getrennt wurden, entwickelten sich zu ängstlichen und gestressten Tieren.

Der Einfluss der Umwelt

Die Frage, die Micheal Meany umtrieb: Warum beeinflusst das Verhalten der Mutter den Charakter der Jungen ein Leben lang? Oder in Menschenjahren gesprochen: Wieso beeinflusst uns das Verhalten unserer Eltern auch 20 bis 30 Jahre später noch? Ohne die bierseelige Stimmung hätte sich Moshe Szyf wenig für das Problem interessiert. Aber so kommt er ins Grübeln. Es muss einen molekularen Mechanismus geben, der das Verhalten der Mutter mit der Art und Weise verknüpft, wie das Gehirn arbeitet.

Zehn Jahre Forschung

Zehn Jahre lang forschen die Szyf und Meany gemeinsam, bis sie beweisen können: Die soziale Interaktion des Muttertieres beeinflusst den epigenetischen Zustand ihrer Jungen. Das heißt, dass sich tatsächlich in den Genen wiederspiegelt, welche sozialen Erfahrungen eine erwachsene Ratte als Jungtier gemacht hat. Ein sensationelles Ergebnis. Aber lassen sich diese Forschungen auch auf den Menschen übertragen?

Misshandlung im Kindesalter im Gehirn nachweisbar

Moshe Szyf will das herausfinden und untersucht die Gehirne von Menschen, die sich umgebracht haben oder die als Kind misshandelt wurden. In beiden Fällen findet er dieselben epigenetischen Veränderungen, wie er sie zuvor in den Rattenhirnen gefunden hat.

Reversible Prägung

Diese Veränderungen können sogar vererbt werden. Das Positive daran: Selbst bei Vererbung lässt sich diese epigenetische Veränderung beheben. Denn die Gene, die zu dieser Veränderung führen, sind intakt. Es kommt darauf an, ob sie ein- oder ausgeschaltet sind. Weil Moshe Szyf und sein Kollege Michael Meany den epigenetischen Prozess kennen, also wissen, was und wie Gene ein- und ausgeschaltet werden, gelingt es ihnen mit Medikamenten die Ratten zu therapieren. Und es gibt eine weitere gute Nachricht: Auch Verhaltenstherapie führt dazu, dass Gene wieder aktiv - oder eben deaktiviert werden.