Die Geschichte hatte für Aufsehen gesorgt: Ein anonymer Zweitliga-Fußball-Profi in Großbritannien kündigt sein Coming-out auf Twitter an – und entscheidet sich dann doch dagegen. Der Druck sei zu groß gewesen. Wir haben mit Marcus Urban über den Fall gesprochen. Dem ersten ehemaligen Fußballer in Deutschland, der sein Coming-out hatte.

Twitteraccount @FootballerGay schreibt über sich, er sei 23, schwul und aktiver Profi in der zweiten englischen Liga Championship. Seiner Familie habe er sich schon offenbart. Jetzt kündigt er eine Pressekonferenz an, um seine Identität preiszugeben und seine Homosexualität öffentlich zu machen. Binnen kurzer Zeit folgen dem Account mehr als 50.000 Menschen. Auch die englische Fußballlegende Gary Lineker sagt seine Unterstützung zu. Dienstagabend (23.Juli.2019) dann die Wende: @FootballerGay löscht seinen Account und begründet das vorher mit zwei Tweets: Er sei nicht stark genug für den Schritt, ist da zu lesen, und dann noch die Versicherung, dass es sich in seinem Fall um keine Hoax handele.

"Ob der Account echt ist oder nicht, bleibt für jeden offen. Letztlich regt es das eigene Denken und die Emotionen zu dem Thema an."
Marcus Urban, Ex-Fußballer

Wir haben mit Marcus Urban über den Fall gesprochen. Dem ersten ehemaligen Fußballer in Deutschland, der sein Coming-out hatte. Er hält den Twitter-Account und auch die Argumentation, mit der sich der Mensch hinter den Tweets entschieden hat, lieber anonym zu bleiben, für glaubwürdig. Angst vor der eigenen Courage und der Spießrutenlauf, der einen offen schwulen Fußballer erwarten dürfte – all das könne den Schritt erklären, lieber einen Rückzieher zu machen. Aber natürlich kann auch er nicht ausschließen, dass es sich um einen Fake handelt und es jemand nur darauf angelegt hat, in kürzester Zeit möglichst viele Follower zu sammeln.

Schwule Fußballer stehen unter riesigem Druck

Marcus Urban erzählt von dem Druck, unter dem Fußballer stehen, die sich entscheiden müssen, ob sie ihre Homosexualität öffentlich machen sollen. Er vergleicht die Situation mit einer Dauerfolter. Erzählt von ständiger Alarmbereitschaft und Angst. 24 Stunden am Tag habe er auf dem Internat, auf dem er groß wurde, seine Gestik, Mimik und Psyche kontrolliert. Die Folge: eine Dauerdepression, die er ohne Medikamente und Betreuung überstehen musste. Er konnte mit niemanden sprechen, war vollkommen isoliert. Ein Schicksal, dass er niemandem wünsche, erzählt er.

"Alles, was von der Heteronormativität abweicht, ist eine Gefahr für die Karriere."
Marcus Urban, Ex-Fußballer

Marcus Urban hat das alles in den Neunzigern erlebt und räumt ein, dass sich seitdem etwas getan habe: Mittlerweile gibt es offen homosexuelle Politiker und Fußballerinnen. Dazu Sportler aus anderen Disziplinen, die offen mit ihrer Sexualität umgehen. An vielen Stellen müssten sich schwule Sportler aber weiterhin verstecken.

Gerade der Männerfußball werde weiterhin von "toxischer Männlichkeit" geprägt. Und die fordere eben, sehr dominant aufzutreten und alles regeln zu müssen. Empathie, Gefühl und die sogenannten Soft Skills seien dagegen weniger gefragt. Kurz: Im Fußball sei es weiterhin schwer, offen über Sexualität oder Liebe zu sprechen, wenn sie nicht dem Mainstream, also der Heteronormativität, entspreche. Alles, was davon abweicht, sei eine Gefahr für die Karriere. Und so sei eben zu erklären, dass es weltweit bislang erst rund zehn männliche Fußballer gebe, die ihr Coming-out hatten – und das überwiegend nach Ende ihrer Karriere.

Die Sache mit dem richtigen Zeitpunkt für ein Coming-out

Der perfekte Zeitpunkt für ein Coming-out im deutschen Männerfußball sei schon sehr oft aufgerufen worden. Etwa nach dem viel beachteten Interview des ehemaligen Fußball-Nationalspielers Thomas Hitzlsperger 2014. Letztlich müsse jede Person für sich selbst den richtigen Zeitpunkt finden. Marcus Urban bietet in jedem Fall seine Hilfe an. Gemeinsam mit seinem Netzwerk des "Vereins für Vielfalt in Sport und Gesellschaft" habe er Leben gerettet, einfach nur, weil jemand da war und Betroffene – zum Beispiel Schiedsrichter – nicht mehr allein waren.

Zum Abschluss unseres Gesprächs macht er Mut: Alles werde gut. Im Fußball gebe es mittlerweile genug Menschen, die schwulen Fußballern zur Seite stehen würden. Die Zeit sei reif.