Ja, es fehlen Fachkräfte in einigen Bereichen – aber: Es gibt keinen flächendeckenden Fachkräftemangel in ganz Deutschland.

Immer wieder hören wir es: "Fachkräftemangel in Deutschland", "Lehrstellen können nicht besetzt werden", "Millionen Stellen sind unbesetzt". Derzeit sprechen wir laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung von 1,23 Millionen offenen Stellen. Von Jahr zu Jahr werden es mehr – doch der Mangel betrifft nur einige Regionen und Branchen.

"Es fehlen Leute auf dem Bau."
Sina Fröhndrich, Dlf-Wirtschaftsredaktion

Fachkräfte fehlen vor allem auf dem Bau oder in der Pflege, sagt Sina Fröhndrich aus unserer Wirtschaftsredaktion. Außerdem würden Leute im Gesundheitsbereich gesucht oder auch in technischen Berufen – zum Beispiel Fahrzeugtechnikerinnen oder Klempner: "Das sind die schwierigsten Bereiche. Und da sind Stellen zum Teil lange Zeit nicht besetzt – bis zu einem halbe Jahr in bestimmten Berufen", so Sina Fröhndrich.

Fachkräfte gehen ins Ausland

Warum die offenen Stellen nicht besetzt werden können, hat mehrere Gründe: Manchmal sind Job und Fachkraft schlicht nicht am selben Ort. Gewerkschaften sagen aber auch, dass die Unternehmen den Fachkräften in Deutschland nicht genug anbieten würden und nicht genügend werben – darum würden viele ins Ausland gehen.

"Gewerkschafter sagen: Die Unternehmen werben zu wenig um Fachkräfte, sie bieten zu wenig an, sind zu unflexibel."
Sina Fröhndrich, Dlf-Wirtschaftsredaktion

Ob sich die offenen Stellen mit Langzeitarbeitslosen oder Teilzeitkräften besetzen lassen, ist fraglich, meint Sina Fröhndrich. Bei den Langzeitarbeitslosen gehe es ja zunächst darum, sie überhaupt wieder in einen Beruf zu bekommen. Aber: "15 Millionen Teilzeitkräfte gibt es, meist Frauen. Und Umfragen deuten darauf hin, dass einige gern mehr arbeiten würden."

Klagen mit Kalkül

Letztlich kommt es den Unternehmen zugute, so Sina Fröhndrich, wenn sie eine große Auswahl an Bewerbern für ihre Stellen haben. Das könnte mit ein Grund für das laute Klagen der Branchen sein. Und Karl Brenke, Arbeitsmarktforscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, sagt: Wo genügend Arbeitskräfte sind, steigt automatisch auch der Druck auf die Löhne.

"Wenn hinreichend Ingenieure da sind, wird automatisch Druck auf die Löhne ausgeübt.“
Karl Brenke, Arbeitsmarktforscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung​

Ganz so massiv, wie es sich darstellt, ist das Problem des Fachkräftemangels also nicht, sagt Sina Fröhndrich. Und etwas sei noch zu bedenken: Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt zusehends verändern. Wer sich also heute für eine bestimmte Ausbildung entscheidet, der sollte nicht nur im Kopf haben, welche Arbeitskräfte aktuell gesucht werden, sondern auch, welche Fachkräfte künftig noch gebraucht werden.

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