Was tun, wenn das Fahrrad gestohlen wurde? Die Suche nach dem geklauten Rad selbst in die Hand nehmen? Dlf-Nova Reporterin Pia Rauschenberger ist einem gestohlenen Fahrrad gefolgt - und war überrascht. Hier erzählt sie ihre Geschichte. Folge 4: Ein blaues Fahrrad

Was bisher geschah

Ich bin mit Marina, Mirko und Alexej nach Polen gefahren. Die drei sind auf der Suche nach Marinas gestohlenem Fahrrad. Sie haben zum Beispiel eine Eisensäge dabei. Man weiß ja nie, vielleicht ist das Fahrrad irgendwo befestigt und man muss es absägen. Wo Marinas Fahrrad ungefähr ist, sagt uns ein Peilsender, der im Rahmen steckt. Das Fahrrad sendet ein Signal aus der Nähe von Posen. In einem kleinen Dorf haben wir das Signal geortet.

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Wir haben mit einer jüngeren und einer älteren Frau gesprochen, die in einem Haus wohnen, aus dem das Signal kommt. Und das Signal kommt wirklich eindeutig aus diesem Haus. Aber die beiden Frauen wissen von nichts, sagen sie. Wir sollen auf den Vater der Familie warten. Und da stehen wir jetzt: 300 Kilometer von Berlin entfernt. Vor einer fremden Haustür. Sprechen kein Wort polnisch. Und wollen ein blaues Fahrrad zurückhaben. Wie wir genau dorthin gekommen sind, könnt ihr in Folge 1, 2 und 3 nachhören oder nachlesen.

Die Übergabe

Nach ein paar Minuten sehen wir, wie die ältere Frau im Schuppen neben dem Haus verschwindet. Als sie wieder herauskommt, schiebt sie Marinas blaues Fahrrad.

Die haben einen anderen Sattel drangemacht!
Marina
Ein blondes Mädchen schaut auf ein blaues Fahrrad
© Pia Rauschenberger
Das blaue Fahrrad

Eine ungewöhnliche Einladung

Einige Dinge an Marinas Fahrrad sind anders als vorher. Mirko fragt sich außerdem, wo der Peilsender ist, der im Rahmen versteckt war. Die Mutter der Familie kann uns nicht weiterhelfen, wir sollen auf ihren Mann warten. Damit wir nicht in der Kälte stehen, bittet sie uns rein zum Teetrinken. Wir sind überrascht, wer lädt schon Leute zu sich zum Tee ein, die einem unterstellen, man hätte ihr Fahrrad geklaut? Wir sitzen wie ein lebendiger Vorwurf bei ihr im Wohnzimmer.

Was sich mir eingebrannt hat, war die besorgte Mutter, die gemeint hat, dass es ihr leidtut, zu sehen, zu welchen Schandtaten das polnische Volk bereit ist. Das war schon unangenehm.
Alexej

Es ist eine dieser Situationen, wie zusammen im Fahrstuhl stecken zu bleiben. Man ist plötzlich gezwungen, miteinander Zeit zu verbringen. Und dabei schwebt auch noch diese unangenehme Frage im Raum, wer sich hier eigentlich seltsam verhält. Die Familie, weil sie unser gestohlenes Fahrrad hat? Oder wir, weil wir für ein Fahrrad bis nach Polen gefahren sind? Die Mutter sagt, der Vater hätte das Fahrrad auf einem Flohmarkt gekauft. Aber es ist schwer zu sagen, ob der Vater der Familie mit geklauten Fahrrädern handelt oder es einfach nur so gekauft hat.

Ein schräger Daniel-Düsentrieb-Verein

Zum Glück kann die Tochter der Familie die Situation etwas leichter nehmen und macht Scherze mit uns, gibt uns Tipps für touristische Attraktionen in der Nähe. Dann kommt der Vater nach Hause. Er reagiert amüsiert, als er uns in seinem Wohnzimmer sieht, und holt den Peilsender aus dem Schuppen. Er dachte, es sei eine Batterie. Die Mutter hat Mirko als den eigentlichen Erfinder des Peilsenders ausgemacht und will wissen, ob er einen hohen ideellen Wert für ihn hat.

Es ist schon wichtig für mich, den Peilsender zu finden, denn dafür habe ich ihn ja gebaut. Es wäre traurig, etwas nicht zu finden, das genau dazu gemacht ist, gefunden zu werden.
Mirko

Dann bist du ja ein erfolgreicher Erfinder, sagt die Mutter. Inzwischen ist scheinbar selbst ihr klar, dass sie vor ein paar Nerds sitzt, denen vor allem eines am Herzen liegt: dass die Technik richtig funktioniert. Als etwas schräger Daniel-Düsentrieb-Verein vor ihr zu sitzen, ist zumindest etwas angenehmer, als die Deutschen zu sein, die hier in Polen für Ordnung sorgen wollen.

Ein blaues Fahrrad
© Pia Rauschenberger
Das blaue Fahrrad

Was wir aus der Geschichte gelernt haben

Geld für das Fahrrad will die Familie nicht von uns haben, dafür wünscht sich die Mutter, dass wir sie nicht so schnell vergessen. Und, dass wir sie das nächste Mal unter anderen Umständen besuchen.

Als wir mit dem Fahrrad auf dem Dach zurück nach Berlin fahren, denke ich: Es kann schon sein, dass der Vater der Familie mit geklauten Fahrrädern handelt - völlig ausgeschlossen ist es nicht. Aber die Geschichte mit dem Flohmarkt klingt plausibel. Ohne miteinander zu sprechen, wären wir der Wahrheit sicherlich auch nicht nähergekommen. Da hätte uns auch der Peilsender nicht geholfen. Dank der Technik konnten wir nur sehen: da ist ein geklautes Fahrrad in Polen. Die Geschichte dahinter konnten wir nicht messen.

Besser Tee als Streit

Die lebendige Begegnung mit der polnischen Familie hat uns wesentlich mehr gebracht, als der Peilsender uns hätte bringen können. Zum Beispiel, die Idee, dass plötzlich unklar ist, wer hier der Geschädigte ist. Marina oder die Familie? Und auch die Erkenntnis, dass es so viel klüger von der Familie war, uns einfach hereinzubitten, statt uns drohend vor ihrer Haustür warten zu lassen. Unseren netten Nachmittag in Polen haben wir also nicht wirklich dem Peilsender zu verdanken. Sondern vor allem der Familie, die uns zum Tee eingeladen hat – und vielleicht auch uns, weil die Eisensäge im Kofferraum geblieben ist.