Bei umstrittenen Themen wie dem Impfen oder Klimawandel, begegnen uns besonders oft Falschinformationen. Auf die Frage, wie wir Fake News entlarven und zwischen Fakten und Unwahrheit unterscheiden können, sieht Thomas Strässle in der Literaturwissenschaft eine mögliche Antwort.

Mit Fake News meinen wir heute meist Falschinformationen, die insbesondere über Soziale Medien verbreitet werden. Doch Fake News sind älter als Internet oder Social Media und beschränken sich nicht auf den Bereich der Politik. Fakes finden sich zum Beispiel auch in der Literatur – und sind in manchen Fällen sogar eine bewusst gewählte Kunstform.

"Ein Fake kann einem nicht unterlaufen. Er ist immer Absicht. Er bedingt einen Vorsatz, der sich über seine Ziele im Klaren ist oder zumindest eine Stoßrichtung hat. Der Fake will etwas erreichen."
Thomas Strässle, Literaturwissenschaftler

Angst vor der Unwahrheit

Im Jahr 1963 schrieb der Autor Hans Traxler ein Buch mit dem Titel "Die Wahrheit über Hänsel und Gretel". Darin legte er detailliert dar, warum das Märchen der Gebrüder Grimm auf einen echten Kriminalfall zurückzuführen sei. Doch genau das war ausgedacht, es war quasi ein Märchen über das Märchen, aber so präsentiert, als könne es stimmen.

Nicht wenige waren damals verunsichert. "Sagen Sie mir, was stimmt", schrieb ein Leser. Fake News empfinden wir als bedrohlich, sie machen uns Angst, weil sie unsere Fähigkeit, Wirklichkeit und Scheinwelt auseinanderzuhalten, infrage stellen. Fakes sind mehr als Fehler oder Lügen. Sie sind immer absichtliche, vorsätzliche Täuschungen, die ein ganz bestimmtes Ziel verfolgen, erklärt der Literaturwissenschaftler Thomas Strässle.

"Ich bin der Überzeugung, dass die Literaturwissenschaft eine politische Funktion bekommen kann, weil sich an der Literatur ein unendliches Reservoir an Strategien, Techniken, Verfahren aufzeigen lässt, wie man so erzählen kann, dass es einem jemand glaubt."
Thomas Strässle, Literaturwissenschaftler

In der Literatur wird ständig mit Wahrem und Ausgedachten gespielt und die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion verschwimmen. Literaturwissenschaftler*innen kennen sich mit den Strategien und Techniken des fiktionalen und des faktionalen Erzählens aus.

In seinem Vortrag erklärt Thomas Strässle, welche Stilmittel in falschen Geschichten und Fake News zum Tragen kommen und wie wir sie erkennen. So kann Literaturwissenschaft sogar politisch werden.

Thomas Strässle ist Professor an der Hochschule der Künste Bern. Sein Vortrag hat den Titel "Faketionales Erzählen. Über die Erfindung von Wahrheit". Er hat ihn am 24. September 2021 beim Philosophicum Lech in Österreich gehalten.