Beziehungen brauchen Nähe, aber auch Distanz, sagt die Soziologin Marie-Kristin Döbler. Aber gleich tausende von Kilometern? Ani erzählt, wie die Beziehung zu ihrem Freund über den Atlantik funktioniert.

Die Entfernung zu ihrem Freund in den USA ist mit rund 9000 Kilometern zwar groß, das größere Problem waren für Ani aber die allgemeinen Reise- und Visabestimmungen – zusätzlich verschärft durch Maßnahmen zum Infektionsschutz. Siebeneinhalb Monate konnten sich die beiden wegen der Corona –Reisebeschränkungen nicht persönlich sehen.

"Die Unsicherheit war mit Abstand das Schlimmste an der ganzen Sache", sagt Ani heute über diese schwierige Zeit. Sie hat geärgert, dass verheiratete deutsch-amerikanische Paare sich besuchen durften, unverheiratete aber nicht. Über Facetime haben die beiden versucht, ihren Beziehungsalltag zu leben. Besonders herausfordernd sei es gerade dann gewesen, wenn es einem Teil nicht so gut gegangen ist.

"Wir sind beide Menschen, die nicht schnell aufgeben. Wir haben einfach den anderen zu spannend gefunden, um das einfach so wegzuwerfen."
Ani, ihr Freund lebt in den USA, sie in Deutschland

Trotz aller Einschränkungen war es dann doch gut, dass Ani und ihr Freund grundsätzlich gerne reisen. Endlich gab es im Sommer 2020 Lockerungen auch für unverheiratet Paare. Im Frühjahr 2021 haben sie sich länger gesehen. Anis Freund konnte ein Visum von 90 Tagen voll ausnutzen, und sie sind im gleichen Jahr nach Panama gereist und dann – nach einem Aufenthalt von 15 Tagen – in die USA. Ani hat seine Familie und Freunde kennengelernt und war dann auch an Weihnachten und zu Neujahr in den USA.

Sie findet auch das Wandern zwischen den Kulturen spannend, aber eigentlich ist das besondere an ihrer Fernbeziehung das Hinfiebern auf den einen Tag. Die Wertschätzung in einer Fernbeziehung ist eine andere, davon ist sie überzeugt. Jetzt werkeln die beide aber daran, möglichst längere Zeit im gleichen Land zu sein.

Vorteile von Fernbeziehungen

Die Frage nach Nähe und Distanz stellt sich grundsätzlich in allen Beziehungen, sagt Marie-Kristin Döbler vom Institut für Soziologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Die Soziologin wurde mit ihrer Arbeit "Nicht-Präsenz in Paarbeziehungen. Lieben und Leben auf Distanz" promoviert. Erwartungen aus dem Umfeld könnten Paare ebenso unter Druck setzen wie die Erwartungen des Paars untereinander, sagt sie. Diese Erwartungen sollten – wie in jeder Beziehung – kommunikativ abgeglichen werden.

Marie-Kristin Döbler, Soziologin
© privat
Marie-Kristin Döbler, Soziologin

Ein Vorteil von Fernbeziehungen sei es, dass keine Abstimmung in Zeiträumen der Trennung getroffen werden müssen. Beispielsweise stellten sich Fragen der Freizeitgestaltung, der Haushaltsorganisation und ganz allgemein Beziehungsfragen in den getrennten Phasen kaum.

Geübte Kommunikation

Während der Pandemie und den Beschränkungen konnten wohl manche Menschen in Fernbeziehungen von gewachsenen Kommunikationsmustern profitieren, vermutet Marie-Kristin Döbler. Fernbeziehungen über sehr große Distanzen, zu denen dann vielleicht auch noch zusätzlich pandemiebedingt eine Distanz kam, hätten es vielleicht etwas schwieriger gehabt.

"Schwieriger wurde es für Paare, die über Kontinente getrennt waren und nicht einreisen beziehungsweise ausreisen konnten."
Marie-Kristin Döbler, Soziologin

Wenn aus drei Monaten irgendwann ein halbes Jahr oder ein ganzes Jahr wird – wie bei Ani und ihrem Freund, seien bei manchen Paaren irgendwann die Akkus leer. Das ist ein Bild, dem Marie-Kristin Döbler bei Fernbeziehungspaaren oft begegnet ist. Kommt es dann nicht zu einem persönlichen Treffen, kann das kritisch für die Beziehung sein.

"Die Akkus kann man nicht aufladen, wenn man sich nicht wiedertrifft. Dann wird es echt anstrengend, dieses sich Beieinanderfühlen aufrecht zu halten"
Marie-Kristin Döbler, Soziologin

Manche Paare wollten die Fernbeziehung unbedingt eines Tages beenden und brauchen eine bestimmte zeitliche Perspektive, andere hingegen nicht. Die Soziologin erinnert sich an ein Paar, dass den jeweiligen Lebensmittelpunkt auf unterschiedlichen Kontinenten hat. Die ausgeprägte berufliche Spezialisierung der beiden Beteiligten verstellte die Perspektive auf ein gemeinsames Zusammenleben.

"Ich hatte ein Paar, die so spezialisiert waren in ihren Fachgebieten, die wussten, dass sie immer über einen ganzen Kontinent getrennt sein werden. Für die war das vollkommen in Ordnung."
Marie-Kristin Döbler, Soziologin

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