Der Festivalsommer 2020 ist fast vollständig ins Wasser gefallen. Die Veranstaltenden der Wilden Möhre wollten trotz Corona ein Festival auf die Beine stellen – und haben aus einem Open-Air-Wochenende gleich fünf gemacht.

Normalerweise hat das Elektro-Festival Wilde Möhre an einem Wochenende 7000 Besucherinnen und Besucher. Das geht gerade corona-bedingt natürlich nicht. Und das war schon Anfang März, als sich das Ausmaß der Pandemie langsam abzeichnete, ein großes Problem für das Organisationsteam.

Festivals während Corona: Bei Absage droht finanzieller Ruin

"So ein Festival kostet 1,2 Millionen", sagt Alex Dettke, der Teil des Veranstaltungsteams ist. Bis März hatten sie schon 300.000 Euro ausgegeben. Um die Summe ohne Event wieder reinzuholen, hätte das Team entweder Insolvenz anmelden oder einen Kredit aufnehmen müssen.

Allein deswegen wollten sie das Festival in irgendeiner Form stattfinden lassen, so Alex: "Absagen ist keine Option." Eine erste Idee war es, ein Camp aufzubauen – "sehr ruhig, vielleicht sogar ohne Musikprogramm", erzählt Alex.

Weil in Brandenburg im Sommer Festivals und Konzerte mit bis zu 1000 Teilnehmenden wieder erlaubt wurden, hat das Team das ursprüngliche Konzept noch mal überarbeitet und auch Künstlerinnen und Künstler eingeladen.

Denn die Nachfrage nach Feiermöglichkeiten ist da. Dieses Bedürfnis habe das Team auch in den illegalen Raves, die in Berlin stattfinden, gesehen. "Wir haben gesagt: Okay, wir schaffen die sichere Alternative und haben trotzdem ein schönes Erlebnis", erklärt Alex.

"Die Leute haben diesen unbändigen Drang und die brauchen eine Alternative."
Alex Dettke über die Motivation hinter der Milden Möhre

Aus "Wilde Möhre" wird "Milde Möhre"

Weil das Festival in abgewandelter Form stattfindet, heißt es auch Milde Möhre. "Wir machen statt einer großen fünf kleine Editionen", erklärt Mitbetreiber Alex. Nach seinen Worten ist die Milde Möhre auf jeden Fall ein Festival, aber eben nicht so umfangreich wie normalerweise. "Es kommt schon sehr nah ran", beschreibt der Organisator es.

An fünf Wochenenden im August und September kommen knapp 1000 Menschen in Drebkau bei Cottbus zusammen. Hygienebestimmungen gehören natürlich auch dazu. Neben den Klassikern wie Abstandsmarkierungen, Desinfektionsmittel-Spendern und bargeldlosem Zahlen hat das Veranstaltungsteam aber auch spezielle Schutzmaßnahmen umgesetzt.

Schutzmaßnahmen auf Festivals: Kreativ werden ist angesagt

Beim Betreten des Festivalgeländes wird bei allen Personen Fieber gemessen. Auch müssen alle Besucherinnen und Besucher ein sogenanntes Rave-Shield, also einen Plexiglas-Schutz, überall dort tragen, wo der Abstand von 1,50 Metern vielleicht nicht einzuhalten wäre – also zum Beispiel auf der Tanzfläche oder beim Anstehen in einer Schlange. Gleichzeitig gibt es ein Achtsamkeits-Team, das die Besucherinnen und Besucher an die Maßnahmen erinnert.

Obendrauf hat das Team ein Ampelsystem installiert, das auf Gelb schaltet, wenn zehn Prozent der Menschen keine Maske tragen. Wenn die Situation sich dann nicht bessert, wird auf Rot geschaltet, und dann geht auch die Musik aus. "Das mussten wir noch nicht machen", berichtet Alex.

"Ich kann jetzt mit beruhigtem Gewissen sagen: Das funktioniert, egal, in welchem Geisteszustand jemand ist."
Alex Dettke über die Schutzmaßnahmen

Die Leute würden sehr gut mitmachen, berichtet Alex, nachdem das erste Festivalwochenende stattgefunden hat: "Die sind auch unglaublich dankbar, dass es diese Möglichkeit überhaupt dieses Jahr gibt."

Die Angst, dass trotz aller Vorsicht eine Corona-infizierte Person unter den Gästen ist, ist natürlich trotzdem da, beschreibt Alex. "Unsere Aufgabe ist, so wenig Ansteckung zu erzeugen wie möglich und das Beste aus der Situation zu machen."

Auch wenn sie das Festival veranstalten können – es ist "deutlich teurer" und auch aufwendiger als die Wilde Möhre in den Jahren zuvor, sagt Alex. Das läge besonders an den Personalkosten, weil man für die Corona-Edition deutlich mehr Mitarbeitende bräuchte.

"Es ist sehr sehr aufwendig. Aber ich finde, dass es wichtig war, auch in diesem Jahr zu zeigen, wie man Tanz und Ekstase trotzdem erhalten kann."
Alex Dettke

Auch wenn die Organisation aufreibend ist, sind sie froh, dass die Milde Möhre stattfinden kann, betont Alex: "Dieses Team und das, was wir aufgebaut haben über sieben Jahre, das können wir nicht einfach in den Sand stecken." Damit wollen sie auch anderen Veranstalterinnen und Veranstaltern ein Modell präsentieren, wie man pandemie-konforme Partys durchführen kann.

Bleibt nur noch eine Frage: Wird die Möhre 2021 wild oder mild? "Man hat natürlich Hoffnungen", sagt Alex in einem unsicheren Ton. "Aber unser Team plant jetzt von vornherein mehrere kleine Veranstaltungen. Wenn es dann doch anders geht, kann man noch mal umplanen."