Frauen an der Macht sind heute keine Seltenheit mehr. Auch wenn sich viele darüber beklagen, dass dies bei weitem noch nicht oft genug der Fall sei. Die Habsburgerin Maria Theresia war die erste Frau auf dem Thron, die sich in Österreich gegen heftige Widerstände behaupten musste. Die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger distanziert sich in ihrem Vortrag dennoch von Feministinnen, die Maria Theresia noch heute als Ideal der Weiblichkeit loben.

Für Barbara Stollberg-Rilinger hören Frauen, die den Thron besteigen, damit auf, Frauen zu sein. Dass im 18. Jahrhundert Maria Theresia ihre Rolle als Frau und Muster-Regentin bravourös – und damit besser als ein Mann – ausgeübt habe, genau das hätten ihre Forschungen nicht ergeben. 

Maria Theresia sei genau so kompromisslos mit aller Härte gegen ihre Feinde vorgegangen wie kriegstreibende Männer in der Weltgeschichte auch. Ähnlich erbarmungslos hat sie auch als Mutter gehandelt und ihre Kinder für egoistische Machtinteressen "geopfert" - alles andere als ein Musterbeispiel für gelungene Vereinbarkeit von Beruf und Familie also.

"Wenn man von den weiblichen Regentinnen und Politikerinnen als richtigen Männern spricht, dann bestätigt das ja nur die Regel, das Politik eigentlich männlich ist."
Barbara Stollberg-Rilinger, Historikerin

Maria Theresia musste rechtlich zum Mann erklärt werden

Natürlich hatte es die Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn nicht leicht, sich in einer Gesellschaft zu bewegen, die Führungspositionen von Frauen eigentlich völlig ausschloss. Frauen galten in jener Zeit sogar in den wissenschaftlichen Disziplinen als "unvollkommene Varianten der Männer" und nur dann als bestimmungsgemäß, wenn sie unter anderem fruchtbar und auch noch schön anzusehen waren. 

Sicherlich kam Maria Theresia damals zugute, dass sie beides beweisen konnte: Immerhin brachte sie 16 Kinder zur Welt und wird in mehreren Quellen als anmutig beschrieben. Weil das aber nicht für das neue Amt reichte, musste sie vom Hause Habsburg rechtlich zum Mann erklärt werden.

"Weltgeschichte ist Menschheitsgeschichte, das heißt Geschichte des Mannes."
Heinrich Finke, Historiker

Barbara Stollberg-Rilinger kommt in ihrem Vortrag zu dem Schluss, dass Frauen mittlerweile genauso gut oder genauso schlecht regieren können wie Männer. Sie äußert sich fest davon überzeugt, dass diese Fähigkeiten nichts mit dem Geschlecht zu tun haben und weder Frauen noch Männer in irgendeiner Weise im Vorteil seien.

Barbara Stollberg-Rilinger ist Historikerin an der Universität Münster und Rektorin des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Sie gilt als Expertin für die Frühe Neuzeit und erforscht die Verfassungs-, Politik- und Kulturgeschichte Europas zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Ihren Festvortrag unter dem Titel "Regentinnen, die den Thron besteigen, hören auf, Frauen zu sein – Kaiserin Maria Theresia und die Ordnung der Geschlechter" hat sie am 17. November 2018 auf der Jahrfeier der Akademie der Wissenschaften in Hamburg gehalten.

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