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Zehn Jahre ist die Atomkatastrophe von Fukushima schon her. Die gesundheitlichen Auswirkungen der Ereignisse vom März 2011 halten sich aber offenbar in Grenzen: So sind etwa nicht deutlich mehr Menschen an Krebs erkrankt, sagt eine aktuelle UN-Studie. Wie ist das zu erklären?

Seit ihrem letzten Bericht aus dem Jahr 2013 seien keine negativen Auswirkungen auf die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Fukushima dokumentiert worden, die direkt auf die Strahlenbelastung zurückgeführt werden könnten, sagt die UN-Expertenkommission für die Folgen radioaktiver Strahlung (UNSCEAR) in ihrer gerade vorgelegten Studie.

Wenig zusätzliche Krebsfälle zu erwarten

Erfreulicherweise haben die Leute dort offenbar relativ wenig Strahlung abbekommen, sagt Anna Friedl, Biologin und Strahlenforscherin an der Klinik für Strahlentherapie der LMU München. Es seien wenig zusätzliche Krebsfälle zu erwarten, "so wenige, dass sie letztlich wahrscheinlich im Grundrauschen untergehen werden, da Krebs ja auch ohne Strahlung eine sehr häufige Krankheit ist".

"Glücklicherweise haben die Leute in Fukushima relativ wenig Strahlung abbekommen. Das war nach Tschernobyl anders."
Anna Friedl, Strahlenforscherin an der LMU

Nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 sei das anders gewesen: Damals wurde sehr viel mehr Strahlung freigesetzt und die Menschen haben auch mehr kontaminierte Lebensmittel zu sich genommen, sagt Anna Friedl. Die Sicherheitsvorkehrungen seien nicht gut gewesen und besonders viele Leute hätten dort auch radioaktives Jod aufgenommen. Es habe damals einen deutlichen Anstieg an Fällen von Schilddrüsenkrebs gegeben – vor allem bei denen, die zum Zeitpunkt der Katastrophe noch Kinder waren.

Fukushima anders als Tschernobyl

In Fukushima sei ein großer Teil der Radioaktivität aus den Reaktoren aufs Meer vor Japan geblasen worden und nicht über dem Land heruntergekommen. Außerdem sei zum Zeitpunkt der Katastrophe noch Winter gewesen, also noch keine Wachstumsperiode. Und – ein spezifischer Vorteil der japanischen Bevölkerung: Deren Schilddrüsen seien meistens sehr gut mit Jod versorgt, weil die Japanerinnen und Japaner viel Fisch und Meeresfrüchte essen. Das "vorbeifliegende radioaktive Jod" sei deshalb nicht so gierig aufgenommen worden, wie das etwa in der Umgebung von Tschernobyl der Fall gewesen sei.

Trotzdem: Bei Untersuchungen unter anderem der Schilddrüsen von japanischen Kindern wurden Auffälligkeiten beobachtet: Es seien deutlich mehr Vorstufen und frühe Krebsformen gefunden worden, als diese sonst bei der japanischen Bevölkerung dieser Altersgruppe auftreten, so Anna Friedl.

(Zunächst) beunruhigende Auffälligkeiten

Bei dieser Studie sei allerdings eine besonders sensitive Methode zum Einsatz gekommen, die bei der Vergleichspopulation, auf die man sich bezogen hat, so nicht verwendet worden sei. Inzwischen seien Studien mit derselben hochsensitiven Technik auch in anderen Regionen Japans gemacht worden, in denen es keine Strahlenbelastung gab. Ergebnis: Auch dort gab es bei den Jugendlichen diesen enormen Anstieg. Die Vermutung, so Anna Friedl: Viele Kinder und Jugendliche haben einen "existierenden kleinen Krebsherd, der sich aber wahrscheinlich klinisch nie auffällig machen" würde.

"In Fukushima gab es glückliche Umstände. Es sind keine strahlenbedingten direkten Gesundheitsauswirkungen zu beobachten."
Anna Friedl, Strahlenforscherin an der LMU

Wenn die Strahlenbelastung in Fukushima höher gewesen wäre, hätte man in der Bevölkerung wahrscheinlich auch schwerwiegendere Folgen festgestellt, sagt die Strahlenforscherin. Doch tatsächlich seien es in Fukushima offenbar "glückliche Umstände" gewesen, die dazu geführt haben, dass dort keine strahlenbedingten direkten Gesundheitsauswirkungen zu beobachten sind.

Es werde zwar einige Leute geben, die unmittelbar von der ausgetretenen Strahlung betroffen sind. Dies seien aber so wenige, dass sie statistisch nicht nachzuweisen seien, so die Strahlenforscherin.

Anstieg von chronischen Erkrankungen

Was man aber natürlich nicht außer Acht lassen dürfe: Unter den vielen Leuten, die evakuiert und aus ihrem Leben herausgerissen wurden, die ihre Heimat, ihre Arbeit und ihr soziales Umfeld verloren haben und teilweise noch heute in Behelfsunterkünften wohnen, sei ein ganz starker Anstieg an chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck zu beobachten. Das seien zwar keine direkten Strahlenfolgen – aber durchaus schwerwiegende Folgeerscheinungen des Unfalls, die die Menschen eben auch krank machen, gibt Anna Friedl zu bedenken.

Der Unfall von Fukushima hat die Nutzung der Atomenergie auf der ganzen Welt verändert – ganz konkret auch in Deutschland, wo ein vollständiger Umschwung in der Energiepolitik angestoßen wurde. Die Katastrophe von Fukushima ist, was die Strahlenbelastung betrifft, zwar "halbwegs glimpflich ausgegangen", sagt die Strahlenforscherin. Es sei aber wichtig, auch die ganzen weiteren Effekte und Folgen der Kernkraft in den Blick zu nehmen – also zum Beispiel die großflächige langjährige Evakuierung, die Dekontaminationsmaßnahmen und nicht zuletzt das ungelöste Problem, wo denn der radioaktive Abfall letztlich hin soll. All das müsse mitbedacht werden.