Wer exzessiv zockt, bei dem könnte in Zukunft OGD - Online Gaming Disorder - diagnostiziert werden. Experten streiten aber, ob das sinnvoll ist.

Onlinespielsucht oder OGD gilt ab sofort als eigenständige Krankheit. Das hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) entschieden. Sie folgt damit einer Forderung von Ärzten und Psychologen, die in ihren Praxen immer mehr Spielsüchtige behandeln müssen. Laut WHO-Experte Vladimir Poznyak erhoffen sich Mediziner von der Einstufung zum einen eine Anerkennung der Krankheit, zum anderen aber auch eine intensivere Forschung, um vorbeugende Maßnahmen zu entwickeln.

Bisher gibt es keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Menschen tatsächlich so viel zocken, dass sie als spielsüchtig klassifiziert werden könnten. Und genau an der Stelle regt sich Kritik. Rund 30 Psychologen und Ärzte rund um den Psychologen Andy Przybylksi von der Universität Oxford haben die WHO davor gewarnt, diese Klassifizierung vorzunehmen.

"Nach Ansicht der Mediziner gibt es zwar zweifellos Menschen, die zu viel zocken. Aber sie sagen, dass Onlinespielsucht keine eigene Krankheit ist."
Martina Schulte, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporterin

Laut einer Studie der Universität Cardiff mit 2000 Probanden, die gerade im New Scientist veröffentlich wurde, ist zu viel zocken nur eine Art Symptom für ein anderes Leiden. In der Psychologie nennt sich dieses Phänomen "Verschiebung". Deswegen ergebe die neue WHO-Klassifizierung nur wenig Sinn.

Gefahr von Missbrauch des neuen Krankheitsbildes

Das Problem: Was die WHO als Krankheit definiert, wird oft zum weltweiten Standard. Der Krankheitskatalog dient Ärzten als Diagnosehilfe. Was nach WHO-Standard diagnostiziert wird, kann über die Krankenkassen abgerechnet werden. 

Der deutsche Kommunikationswissenschaftler Thorsten Quandt warnt:  Übermäßiges Gaming als Sucht zu definieren, könne ein Dammbruch werden.

"Von Handysucht bis Social-Media-Depression wäre vieles als eigenständige 'Medien'-Krankheit denkbar. Zahlreiche Kinder, Jugendliche und Erwachsene wären qua Definition von heute auf morgen therapiebedürftig."
Thorsten Quandt, Kommunikationswissenschaftler

Es werden ähnliche Folgen befürchtet, wie bei der Diagnose der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Auch das wurde gegen den Rat von Experten als eigenständige Krankheit definiert, woraufhin zahlreiche "zappelige" Kinder Ritalin verschrieben bekamen. 

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