Bei bestimmten Erkrankungen sind wir gewohnt, Antibiotika zu bekommen. Aber Antibiotikaresistenzen nehmen zu. Was sich Forschende genauer angesehen haben, ist die Phagentherapie: Viren bekämpfen Bakterien. Die Idee ist alt, die Datenlage aber dünn.

Es ist so weit: Die Zeit für Husten, Schnupfen und Halsschmerzen geht wieder los – mit dem Herbstanfang steht auch die Erkältungszeit an.

Bei einer bakteriellen Infektion können Ärzt*innen Antibiotika verschreiben. Doch teilweise sind Bakterien resistent gegen Antibiotika geworden, das Medikament bleibt dann wirkungslos. Jetzt wurden zum ersten Mal Leitlinien für die klinische Anwendung einer Behandlungsform veröffentlicht, bei der Viren bestimmte bakterielle Infekte heilen sollen. Das ist als Phagentherapie bekannt.

Mit Phagen sind die sogenannten Bakteriophagen gemeint. Das sind spezielle Viren, die für Menschen ungefährlich sind und lieber Bakterien befallen. Die Phagen können die Bakterien infizieren und zerstören. Das machen sie, indem sie das Bakterium – das uns krank macht – als Wirtszelle benutzen. Darin vermehren sich die Phagen, bis der Krankheitserreger platzt.

Phagentherapie: Große Studien fehlen

Die Idee einer solchen Behandlung gibt es schon lange. Phagen wurden vor mehr als 100 Jahren entdeckt. Es gab und gibt viele erfolgreiche Fälle, in denen Phagen angewandt wurden. Besonders in Osteuropa wird das heute noch gemacht, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Jens Többen.

In Westeuropa hat sich das Antibiotikum durchgesetzt, weil das günstiger und effektiver gegen eine Vielzahl von bakteriellen Infekten ist. Antibiotika gehören damit zu den Wundermitteln der Medizin. Sie heilen Krankheiten, die sonst schwere oder sogar tödliche Folgen haben könnten. Doch es gibt immer mehr Bakterienstämme, die gegen viele der heute üblichen Antibiotika resistent sind – und das ist ein Problem.

"Gerade bei Infekten mit resistenten Bakterien, die zum Beispiel Wundinfektionen oder bestimmte Lungenentzündungen verursachen, könnten Phagen helfen."
Jens Többen, Deutschlandfunk Nova

Hier könnten die Phagen nützlich sein. "Die Bakterien, die Resistenzen gegen Antibiotika ausgebildet haben, sind gegenüber Phagen oftmals noch sensibel, weil andere Resistenzmechanismen zugrunde liegen", sagt Annika Claßen vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung.

Die Forscherin hat an den neuen Leitlinien zur Phagentherapie mitgearbeitet. Sie und ihre Kolleg*innen sehen die Phagen als mögliche Ergänzung zu Antibiotika in bestimmten Fällen. Für die breite Masse ist eine Phagentherapie, zum Beispiel in der Form eines Medikamentes bisher nicht möglich. Dazu fehlen gerade noch groß angelegte standardisierten Studien, die belegen, wie wirksam die Methode ist.

Eine Fallstudie aus Belgien konnte allerdings zeigen, dass die Phagentherapie eine Erfolgsquote von etwa 70 Prozent hatte. Für die Studie wurden 100 Fälle ausgewertet.

Phagen sind auch keine Allgemeinlösung, die gegen jeden bakteriellen Infekt hilft. Die verschiedenen Phagen können nur bestimmte Bakterienstämme angreifen. Die richtige Mischung an Phagen zu finden, ist aufwendig und wird daher eher für individuelle Fälle eine Antibiotika-Ergänzung sein.

Shownotes
Phagentherapie
Mit Viren gegen Bakterien
vom 23. September 2026
Moderatorin: 
Anke van de Weyer
Gesprächspartner: 
Jens Többen, Deutschlandfunk Nova