Sprache und Musik – das ist nicht das gleiche. Obwohl viele Mechanismen ähnlich sind, kann unser Gehirn – anhand unterschiedlicher Signale – sehr gut unterscheiden, ob wir sprechen oder singen. Neurowissenschaftler Henning Beck über die Hintergründe.

Genauso wie wir Gesichter gut auseinanderhalten können, können wir das auch mit Sprache und Gesang. Unser Gehirn erkennt den Unterschied, indem es organisch und anatomisch auf unterschiedliche Sachen Wert legt.

Spezifische Hirnareale

Geht es um Melodie und Tonhöhe oder um Rhythmus und Lautstärke? Es gibt eigene Hirnareale, die genau diese Unterschiede bemerken und daraus ableiten, ob es sich um Sprache oder Gesang handelt, erklärt Henning Beck. Im Gehirn gibt es also einen Teil, der Musik oder Gesang verarbeitet und einen, der nur für Sprache zuständig ist.

"Spezifische Hirnareale bemerken die Unterschiede zwischen Melodie, Tonhöhe, Rhythmus und Lautstärke – und leiten daraus ab, ob es sich um Sprache oder Gesang handelt."
Henning Beck. Neurowissenschaftler

Sprechen ist für das Gehirn mehr als nur das Wort. Es gibt einen Teil im Gehirn, wo verarbeitet wird, was wir sagen – und einen anderen, der sich mit der Sprachmelodie beschäftigt. Denn wir können dasselbe Wort oder denselben Satz ja ganz unterschiedlich betonen. "Entschuldigung" beispielsweise kann unterwürfig, neutral oder aggressiv-vorwurfsvoll klingen. Die Sprachmelodie ist jeweils eine völlig andere.

Zusätzlich gibt es aber eben noch eigene Areale, die genau erkennen: Ist das jetzt tatsächlich ein Gesang, also ist da eine Melodie dabei? Oder ist es einfach nur das gesprochene Wort, das etwas melodischer ausgesprochen wird?

Inhalt ≠ Melodie

In der Kommunikation sind solche "Details" – also ob man jetzt schön singt oder schön spricht – sehr wichtig, sagt Henning Beck. Und auch für den Spracherwerb und die Sprachentwicklung.

Eine aktuelle Studie zeigt, dass schon wenige Monate alte Kinder diesen Unterschied machen können: Babys können offenbar Sprache besser verfolgen als Lieder, so die Erkenntnis einer Neurowissenschaftlerin der Uni Toronto. Das hätte man so nicht erwartet, bei Erwachsenen ist es nämlich umgekehrt, sie können Lieder besser behalten und erkennen.

Ausdruck von "Kunst" oder Vermittlung von Infos?

Bei Kindern kommt es wohl auch ganz besonders darauf an, zu unterscheiden, ob es sich um ein gesprochenes Wort der eigenen Eltern oder Verwandten handelt. Das Gehirn möchte offenbar sehr schnell den Spracherwerb hinkriegen.

Das bleibt offenbar auch so bis nach der Pubertät, sagt Henning Beck. Bis dahin werde unterschieden: Ist das jetzt ein Gesang, also eher ein Ausdruck von etwas Künstlerischem? Oder geht es darum, schnell und gezielt Informationen zu übertragen? Für beide Funktionen muss das Hirn anders denken, deshalb haben sich auch unterschiedlich Hirnareale darauf spezialisiert.

"Wir können Rhythmik zusammen mit dem Text besonders gut verarbeiten."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Texte von Liedern können wir uns besser merken als reine, gesprochene Sprache. Wer etwas auswendig lernen will, kennt das: Ein Gedicht – das ja auch einen eigenen Rhythmus hat – lässt sich einfacher behalten als ein reiner Text.

  • Moderation:  Sonja Meschkat
  • Gesprächspartner:  Henning Beck. Neurowissenschaftler