Ganz schön ermüdend, so eine Pandemie, oder? Viele von uns merken es im zweiten Lockdown noch stärker als im ersten: Konzentration fällt uns schwerer, Infos verarbeiten wir langsamer. Unser Gehirn passt sich offenbar an den fehlenden Input an. Aber dagegen können wir etwas tun.

Auch der Neurowissenschaftler Henning Beck spürt es, gibt er zu: Er fühlt sich zur Zeit müder und kann sich schwerer konzentrieren als sonst. "Brainfog" nennt er diesen Zustand – geistiger Nebel.

"Die Verdummung rückt näher. Ich wehre mich aber mit allen Kräften!"
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Das wir derzeit geistig schwerfälliger werden, ist aus neurologischer Sicht absolut nachvollziehbar. Denn unser Gehirn macht nur so viel, wie es machen muss, erklärt Henning Beck.

Selbst, wer das Glück hat, weiterhin arbeiten gehen zu können, kann sich der lähmenden Wirkung des Lockdowns nicht entziehen. Denn gerade die soziale Komponente ist für unsere Gehirnleistung extrem wichtig, erklärt der Neurowissenschaftler. Unser Gehirn und unsere Art zu denken seien schlicht nicht dafür ausgelegt, dass wir nur am Bildschirm rumscrollen – eigentlich nicht mal dafür, dass wir Bücher lesen.

"Unser Gehirn passt sich immer an die aktuelle Situation an. Und das geht nicht spurlos am Gehirn vorbei."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Nachrichten und Mails zu schreiben, kann interaktive Tätigkeiten wie etwa einen Spieleabend, ein direktes Gespräch, den Ausflug ins Kino oder die Kneipe eben nicht ersetzen, so Henning Beck.

Soziale Isolation lässt unser Gehirn schrumpfen

Der Effekt dieser Isolation: Unser Gehirn "atrophiert", es schwindet oder schrumpft also. Der Neurowissenschaftler vergleicht das mit einem Muskel an einem gebrochenen Bein: ungenutzt wird der schwach. Und genauso falle es uns bei weniger Anforderung an unser Gehirn schwerer, kognitiv aktiv zu sein, uns zu konzentrieren, längerfristig zu denken, uns an Dinge zu erinnern.

"In der sozialen Interaktion steckt die ganze Bandbreite des Denkens."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Erschwerend komme in der Pandemie hinzu, dass wir permanent im Stress sind. Dass dauernd neue Nachrichten und Krisenmeldungen auf uns einprasseln, so Henning Beck, hinterlässt auch Spuren am Gehirn – weil wir ständig kurzfristig denken.

"Du denkst im Lockdown nicht langfristig kreativ, du fährst immer nur auf Sicht."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Was also tun? Letztendlich, so Henning Beck, geht es vor allem darum, weiterhin mit Menschen direkt zu reden, zuzuhören, wenn möglich etwas – pandemiekonformes - zu unternehmen. Denn solcher Austausch decke die gesamte Bandbreite unseres Denkens ab. Und wenn das fehle, wenn das Gehirn kognitiv nicht entsprechend gebraucht werde, dann stelle es dieses Denken eben mehr und mehr ein.

Henning Becks Tipps:

  • direkt mit Leuten sprechen statt zu schreiben – um Interaktion zu schaffen
  • Rituale und einen Rhythmus schaffen – damit die Struktur im Alltag nicht verloren geht und wir nicht nur kurzfristig denken
  • Spiele spielen – weil das auch Interaktion schafft
  • öfter mal auf etwas konzentrieren, ein Buch lesen zum Beispiel – um das Denken zu verlangsamen und zu vertiefen

Ja, das ist anstrengend zur Zeit und kann Überwindung kosten, gibt Henning Beck zu. Aber genau das sei ein Zeichen dafür, das es ein gutes Training ist. Das beste, sagt der Neurowissenschaftler.