Nach dem Putschversuch in der Türkei gab es bisher über 6000 Verhaftungen. Wird jetzt die Todesstrafe wieder eingeführt? DRadio-Wissen-Reporterin Luise Sammann ist da eher skeptisch. Sie hält die Forderung für Stimmungsmache.

Auch am Sonntag (17.07.16) rief der türkische Präsident Erdogan seine Anhänger dazu auf, wieder auf die Straßen zu gehen - und viele sind ihm gefolgt. Um die Abwendung einer konkreten Gefahr oder eines erneuten Putschversuchs geht es dabei aber nicht mehr. "Es geht da eher um eine Stimmungsmache", sagt DRadio-Wissen Reporterin Luise Sammann. "Erdogan versucht die Leute bei der Stange zu halten."

"Alle haben sich hinter Erdogan versammelt. Die Nation steht zusammen. Diese Stimmung versucht er noch ein bisschen hochzuhalten.“
Luise Samman, DRadio-Wissen-Reporterin in Istanbul

In den Medien und den sozialen Netzwerken ist der gescheiterte Putschversuch Thema Nummer eins. Doch so verrückt die Situation auch ist, das Leben in Istanbul geht an diesem Montagmorgen normal weiter. Die Leute eröffnen die Geschäfte, gehen zur Arbeit und zum Alltag über, berichtet Luise Sammann aus Istanbul.

Generäle, Richter, Staatsanwälte - Erdogan räumt den Staatsapparat auf. Über 6000 Verhaftungen gab es bisher. "Bei denjenigen, die eine verantwortliche Position in den Geschehnissen gehabt haben, ist jetzt schon klar, dass sie auf jeden Fall lebenslänglich im Gefängnis verschwinden werden.“

"Dass die Todesstrafe hier demnächst wieder eingeführt wird, halte ich für eher unwahrscheinlich. Ich glaube, dass das in die Kategorie Stimmungsmache fällt.“
Luise Sammann, DRadio-Wissen-Reporterin in Istanbul

Der Schock des Putschversuchs in der ganzen Bevölkerung ist riesig - auch bei Gegnern von Erdogan. Zu negativ sind die Erinnerungen an vergangene Militärputsche und Putschversuche, die die Geschichte der Türkei kennzeichnen. Immer waren Arbeitslosigkeit, Armut und diktaturähnliche Zustände die Folgen, unter denen das Volk unglaublich zu leiden hatte. Das haben die Menschen nicht vergessen.

Eine wahnisinnig gespaltene Gesellschaft

Erdogan-Gegner gegen Erdogan-Anhänger, Kurden gegen Türken, Säkulare gegen Religiöse: In der Gesellschaft herrscht Hass. Für einen kurzen Moment aber schien es so, berichtet unsere Reporterin, als würde der Schock die Menschen näher zusammenbringen: "Jetzt merkt man aber, je mehr der Schock von den Leuten abfällt, dass sich die Gräben doch wieder auftun.“

Vor allem die Erdogan-Gegner sind verunsichert und fürchten die Willkür des türkischen Präsidenten, politische Gegenspieler einfach so zu verhaften, unter dem Vorwand, es seien Putschbeteiligte oder -Anhänger, so Sammann: "Diese Gefahr wird hier ganz klar auch gesehen und diskutiert".

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