Wenn wir uns mit anderen unterhalten, unterbrechen wir gerne. Eine schlechte Angewohnheit? Neurowissenschaftler Henning Beck sagt: Unterbrechen ist meist keine Form von Unhöflichkeit, sondern ein wichtiger Bestandteil einer flüssigen Unterhaltung.

"Jetzt lass mich doch mal ausreden!" Wenn uns andere Menschen beim Reden unterbrechen, dann empfinden wir das meistens als unhöflich, denn es suggeriert uns: Die andere Person hört uns gar nicht zu. Dabei machen die meisten Unterbrechungen eine normale Unterhaltung erst möglich, sagt Neurowissenschaftler Henning Beck.

"Unterbrechen ist nicht unhöflich, sondern es ist wichtig dafür, dass wir uns überhaupt unterhalten können."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Denn während wir uns mit anderen Menschen unterhalten, macht unser Gehirn keine Pause, sondern überlegt gleich schon, was wir als nächstes sagen könnten. Es plant sozusagen schon unsere Antworten vor. Würde es das nicht tun und erst die Antwort planen, wenn das Gegenüber ausgeredet hat, würden lange, seltsame Gesprächspausen entstehen.

Dennoch: Das Gehirn ist, während es die Antworten plant, trotzdem in der Lage dem Gegenüber weiter zuzuhören und sich dem Gesagten anzupassen.

Höflich ist, wer mitdenkt

Manchen Menschen, wie beispielsweise Politikerinnen und Politikern, werde häufig im Sprechtraining geraten, eine kurze Pause vor der Antwort einzulegen, um so noch nachdenken zu können und überlegter zu wirken, erklärt Henning Beck.

Jedoch müsse er aus neurowissenschaftlicher Sicht sagen, dass eine Antwort, die nach einer halben Sekunde noch nicht ausgedacht wurde, nach einer oder mehreren Sekunden auch nicht besser ausgedacht werden könne. Idealerweise denkt das Gehirn beim Zuhören also immer mit und hat dementsprechend schnell eine Antwort parat.

"Die größte Höflichkeit in einem Gespräch ist eigentlich, wenn du schnell antworten kannst. Denn das zeigt: Du hast immer mitgedacht."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Bei komplexen Gesprächen wirken Denkpausen natürlich

Bei Antworten, bei denen man wirklich etwas länger überlegen muss, weil es sehr kompliziert ist oder man sich an etwas erinnern möchte, ist es natürlich verständlich, wenn eine Pause entsteht. Das liegt auch daran, dass in diesen Fällen meist noch andere Areale im Gehirn benötigt werden, erklärt Henning Beck.

Häufig erkenne man diese Art des Nachdenkens, wenn das Gegenüber den Blick abwendet, um zu überlegen. In diesem Fall würde auch der Gesprächsverlauf nicht ins Stocken kommen, weil klar sei, dass die Person sich erst einmal für die Antwort sammeln muss.