Oft reicht schon sehr sehr wenig Gift, um jemanden zu töten. Erschreckend oft werden abtrünnige Russen Opfer von Giftanschlägen. Der Kriminalbiologe Mark Benecke über Dosierung und Nachweise.

Ob der russische Oppositionelle Alexej Nawalny nun vergiftet worden ist, lässt sich derzeit nicht abschließend klären. Präsident Wladimir Putin nahestehende Medien verbreiten die Behauptung, er habe zu viel Alkohol getrunken – so beispielsweise das Portal MKRU. Alexej Nawalnys Mitarbeiterin Kira Yarmish ist hingegen sicher, dass der Politiker und Aktivist erneut vergiftet wurde. Inzwischen ist er nach ihren Angaben zu seinem Transport ins Ausland bereit (Stand 20.08.2020).

In anderen Fällen ist die Lage eindeutiger. Der ehemalige russische Geheimdienstler Alexander Litvinenko und auch der abtrünnige Sergei Skripal und seine Tochter Julia sind vergiftet worden. Im letzteren Fall waren sich die Regierungen Frankreichs, Deutschlands, der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs einig, dass Russland für den Giftanschlag verantwortlich ist. Zwei der drei russischen Tatverdächtigen stritten dann auf persönliche Anregung von Wladimir Putin hin ihre Tatbeteiligung in einem Fernsehinterview ab.

Die beiden Giftanschläge repräsentieren zwei Methoden, sagt der Kriminalbiologe Mark Benecke. Einerseits die Vergiftung mit nuklearen Stoffen, wie im Fall Alexander Litvinenko, andererseits der Einsatz eines militärischen Nervengifts.

Ermittlungen als Ausnahme

Im Fall Skripal war es der militärische Kampfstoff Nowitschok. Für den Kriminalbiologen Mark Benecke ist der entscheidende Schritt bei Ermittlungen, überhaupt erst nach Spuren, Rückständen und Abbauprodukten von Giften zu suchen. Er sagt in Bezug auf Vergiftungsfälle in unserer Gegenwart: "Ich denke, wir sehen echt nur die Spitze des Eisbergs."

"Erst mal auf die Idee zu kommen, dass jemand so eine Tötungsmethode mit Giften anwendet, ist das eigentliche Problem."

Er sagt, dass bereits allergeringste Mengen von radioaktiven Stoffen tödlich sind – ein Millionstel Gramm reiche aus. Bei einem Kampfstoff wie Nowitschok kann die Dosis von einem Milligramm bereits tödlich sein.

Strahlende Spuren

Diesen Stoffen ist mit normalen kriminologischen Methoden nicht beizukommen, sagt Mark Benecke. Geheimdienste können hingegen ganze Reiserouten auf radioaktive Spuren hin abkämmen und so beispielsweise eine Vergiftung mit Plutonium nachweisen und im Idealfall den Weg des Stoffes sowie der Täter oder Täterinnen nachzeichnen.

"Das kann so ein einzelner kleiner Kriminalbiologe wie ich im Leben nicht leisten."

Andererseits lassen sich auch geringste Mengen dieser radioaktiven Stoffe eindeutig nachweisen, sagt Mark Benecke: "Also wenn man danach guckt, findet man es dann auch. Plutonium ist ein Alphastrahler. Dann sieht man auch in welcher Teekanne, auf welchen Sessel, auf welchem Flugzeugsitzt und auf welchem Tisch im Hotel das war."