1472 heiratet der Moskauer Großfürst Iwan III. die Nichte des letzten Kaisers des Oströmischen Reiches. Es ist eine große und symbolische Eheschließung - hinter ihr steht der Wunsch, sich in die Tradition eines großen, untergegangenen Reiches zu stellen. Was steckt hinter der Idee von Moskau als dem "Dritten Rom"?

12. November 1472: In Moskau wird die Nichte des letzten Kaisers von Byzanz, Zoe Palaiologa, mit allen Ehren aber auch mit Skepsis begrüßt. 3000 Kilometer ist sie unterwegs gewesen, um von Rom in die russische Metropole zu gelangen, wo sie den Großfürsten Iwan III. heiraten soll.

Ihr Vormund war Papst Sixtus IV., er hatte auf eine Heirat gedrängt. Den russischen Großfürsten hielt er vor allem deshalb als Ehemann für geeignet, weil er dann ein potenzieller Verbündeter gegen das Osmanische Reich sein könnte.

Als das "erste Rom" untergeht

Denn rund 20 Jahre zuvor ist es den Truppen von Sultan Mehmet II. gelungen, die christliche Metropole Konstantinopel einzunehmen und die Christen aus der Stadt zu vertreiben. Fortan hieß die Stadt Istanbul und wurde zu einem zentralen Ort der islamischen Welt.

Bis dahin war Konstantinopel eine christliche Bastion. Die Stadt hatte ihre Bedeutung erlangt, als das riesige Imperium Romanum am Ende des 4. Jahrhunderts in ein west- und ein oströmisches Reich aufgeteilt wurde. Westrom ging rund 100 Jahre später unter, als germanische Heere Rom besetzten und ein Königreich Italien errichteten. Damit war das "Erste Rom" Geschichte.

Moskau als das "Dritte Rom" gegen Dekadenz und den Teufel

Konstantinopel galt nun als das "Zweite Rom". Hier war nun die Metropole des christlichen Glaubens, die sich 1000 Jahre gegen Angriffe muslimischer Herrscher erfolgreich zur Wehr setzen konnte. 1453 fiel die Stadt, wodurch das oströmische Reich ebenfalls untergegangen war.

Durch die Hochzeit einer nahen Verwandten des letzten Patriarchen von Konstantinopel, der im Kampf um die Stadt 1453 ums Leben gekommen war, wurde Moskau zur Bastion des – orthodoxen – christlichen Glaubens.

Der Begriff das "Dritte Rom" entstand erst später, aber der Gedanke, die reine christliche Lehre, die "bessere Welt" gegen Dekadenz und Teufel zu verteidigen, ist in der "Begründung" des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 gegen die Ukraine zu spüren.

Ihr hört in Eine Stunde History:

  • Der Historiker David Khunchukashvili erläutert, was hinter der Idee eines "Dritten Roms" steckte.
  • Der Russland-Experte Jörg Himmelreich schildert das Verhältnis der orthodoxen Kirche zum russischen Staat.
  • Der Historiker Dietmar Neutatz geht der Frage nach, ob die heutige russische Führung aus der Idee eines "Dritten Roms" noch politische Folgerungen ableitet.
  • Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld geht zurück zu den Anfängen der Aufteilung des Römischen Reichs am Ende des 4. Jahrhunderts.
  • Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Kristin Mockenhaupt schildert die Hochzeit Iwans III. mit Zoe Palaiologa im November 1472.