Viagra und potenzsteigernde Medikamente gelten inzwischen als Partydroge und die Nachfrage ist riesig - vor allem bei Männern unter 35. Weil die Medikamente verschreibungspflichtig sind, hat sich ein Schwarzmarkt entwickelt. Zu haben sind die blauen Pillen hier natürlich ohne Rezept und zudem in gefährlichen Zusammensetzungen. Denn nach Angaben der britischen Arzneimittelregulierungsbehörde enthalten die Schwarzmarktpillen oft Blei und Arsen. Und sind damit extrem gesundheitsgefährdend. 

Großbritannien will Konsumenten seit diesem Frühling vor Fälschungen von Viagra und anderen potenzsteigernden Mitteln schützen. Die Pillen soll es rezeptfrei in jeder Apotheke zu kaufen geben. Der Schwarzmarkt mit den Pillen soll auf diese Weise an Bedeutung verlieren. Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Sandra Pfister erklärt die aktuellen Entwicklungen in Großbritannien. 

Ein riesiger Markt mit extremen Gewinnspannen 

Der Markt mit gefälschter Arznei ist riesig. Dabei handelt es sich nach Angaben europäischer Zollfahnder bei 90 Prozent aller sichergestellten Medikamente um potenzsteigernde Mittel. Zwischen 2012 und 2016 hat sich die Zahl fast versiebenfacht. Der Grund: Es winken extreme Gewinnspannen, erklärt Sandra Pfister. Das BKA gab 2017 bekannt, dass mit einem Kilo Viagra auf dem Schwarzmarkt bis zu 100.000 Euro Gewinn gemacht werden könne. Kokain ist im Vergleich weniger lukrativ, die Gewinnspanne liegt nach BKA-Angaben bei nur 65.000 Euro pro Kilo. 

Wer Viagra illegal beschafft, kauft im Netz oder abends direkt im Club. Ihren Ursprung hätten die hier angebotenen Pillen in Indien und China sagt Sandra Pfister. Für Großbritannien hat das der Sender Sky gerade ausführlich recherchiert und auch der britische Zollfahnder Danny Lee-Frost weiß, wie der Verkauf im Club läuft: 

"Die Dealer bieten in den Clubs die ganze Palette an und am Schluss immer Viagra. Und das ist gefährlich, weil da oft Blei drinsteckt, das ist hochgiftig, oder sogar Arsen."
Zollfahnder Danny Lee-Frost über den Verkauf im Club

Nach Angaben von Frost sei auch oft das organisierte Verbrechen beteiligt. Die entsprechenden Websites werden in Russland gehostet, das Geld fließe auf die Cayman-Inseln, so Frost weiter.  

"Und die verkaufen das wie Süßigkeiten – Kaubonbons mit Fruchtgeschmack. Das ist total gefährlich. Würden sie was einwerfen wollen, was vorher bei einem Drogendealer auf dem Boden rumlag?"
Danny Lee-Frost

Viagra als eine Art Versicherung

Viagra und andere potenzsteigernde Mittel würden vor allem von Männern unter 35 eingeworfen, erklärt ein Londoner Sexualtherapeut Sandra Pfister. Diese Kunden hätten eigentlich keine Erektionsprobleme. Es gehe ihnen vielmehr darum, Viagra als eine Art Versicherung zu benutzen, die sie immer "leistungsfähig" halte. Diesen Leistungsdruck verspürten nach Angaben von Ärzten und Wissenschaftlern eben auch viele Männer unter 35, so Sandra Pfister. Eine Ursache dafür sei der Konsum von Pornos, der eben auch zur Verbreitung eines sehr unrealistischen Bildes von Sexualität beitrage. Diesen Zusammenhang bestätigt auch einer, den Sandra in einem Club trifft und der selbst Viagra einwirft. 

"Jeder schaut Pornos. Klar erwarten dann alle, dass Du auch die Leistung bringst und dass Du auch so aussiehst."
Viagrakonsument, der Pornos für realistisch hält

Rezeptfrei oder nicht - Viagra ist keine Lifestyledroge

Auch die Neuseeländer probieren den rezeptfreien Verkauf seit vier Jahren aus. Und in Europa gibt es schon in Polen Viagra ohne Rezept. 

Ob mit oder ohne Rezept: Viagra ist keine Lifestyledroge, sondern ein Medikament, das Nebenwirkungen haben kann und zudem auch in der gemeinsamen Einnahme mit anderen Medikamenten zu Unverträglichkeiten führen kann. Aus diesen Gründen glaube der Deutsche Apothekerverband nicht an eine baldige Freigabe für den freien Verkauf in Deutschland, so Sandra Pfister. 

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