Für viele Menschen in Deutschland hat der rechtsterroristische Anschlag in Hanau alles verändert. Rund ein halbes Jahr später haben wir mit von Rassismus betroffenen Menschen darüber gesprochen, was dieser Tag mit ihnen und ihrem Leben gemacht hat und was er für unsere Gesellschaft bedeutet.

Juliana Anand schlief bereits, als am 19. Februar 2020 die ersten Meldungen über den Anschlag in Hanau herauskamen. Sie wollte fit sein für den nächsten Tag –auf den 20. Februar, den Tag der Eröffnung ihres neuen Kosmetikstudios in der Innenstadt von Hanau, hatte sie lange hingearbeitet. Als sie beinahe dort war, erfuhr sie von der Polizei von der rechtsterroristischen Tat. Die große Eröffnungsfeier ihres Salons fiel aus, denn er liegt in der Krämerstraße, unweit vom ersten Tatort.

"Als ich in der Stadt ankam, war die Welt für mich eine andere."
Juliana Anand, Kosmetiksalonbesitzerin aus Hanau

Simin Jawabreh ist Aktivistin und engagiert sich in antirassistischen Gruppen. Sie fordert eine Aufklärung des Falls, zu dem sie noch viele offene Fragen hat. Zudem wünscht sie sich, dass Hanau nicht als Einzelfall, als Tat eines einzigen Menschen angesehen wird, sondern dass die Gesellschaft daraus Konsequenzen zieht.

"Hanau ist nicht im luftleeren Raum passiert."
Simin Jawabreh, Aktivistin

Rassismus als gesamt- gesellschaftliches Problem

Ozan Zakariya Keskinkılıç forscht zu antimuslimischem Rassismus, promoviert an der Humboldt-Universität Berlin und fordert grundlegende Veränderungen im Umgang mit Rassismus und Antisemitismus in Deutschland. Im Podcast erklärt er, was sich rund ein halbes Jahr nach Hanau verändert hat und was sich seiner Ansicht nach noch verändern müsste.

Ein großer Teil der Gesellschaft könne Hanau sehr leicht verdrängen, so der Politikwissenschaftler, und genau darin liege ein Dilemma. Mehr Menschen müssten begreifen, dass Rassismus und Antisemitismus gesamtgesellschaftliche Probleme seien.

"Was wir nicht brauchen, ist eine Reduzierung auf die Empörung. Die ist zwar zu einem gewissen Grad wichtig, aber es kann nicht sein, dass es damit aufhört."
Ozan Zakariya Keskinkılıç , Politikwissenschaftler

Şeyda Kurt ist Journalistin und hat in der Ab21 am Tag nach dem Anschlag gesagt, dass sie sich schon lange nicht mehr sicher fühle in Deutschland. Geändert hat sich das nicht, wie sie heute sagt. Für sie und viele andere rassifizierte Menschen in Deutschland habe der Anschlag eine Normalität unmöglich gemacht. Deshalb fordert Şeyda ein konsequenteres Vorgehen auf politischer Ebene.

"Ich wünsche mir vor allem immer noch politische Konsequenzen und Maßnahmen."
Şeyda Kurt, Journalistin

Der Anschlag in Hanau:

  • Bei dem rechtsterroristischen Anschlag in Hanau am 19. Februar 2020 erschoss ein 43-jähriger Deutscher gezielt neun Menschen mit Migrationshintergrund. Anschließend erschoss er auch seine Mutter und sich selbst, so die Generalbundesanwaltschaft – der offizielle Ermittlungsabschluss steht noch aus. Vor der Tat hatte der Mann Pamphlete mit Verschwörungserzählungen und rassistischen Ansichten im Internet veröffentlicht.
  • Laut polizeilicher Kriminalstatistik waren mehr als die Hälfte (54,3 Prozent) der 41.177 im Bereich der politisch motivierten Kriminalität erfassten Straftaten im Jahr 2019 rechtsextrem motiviert. Rechtsextreme Straftaten haben demnach gegenüber dem Vorjahr um 9,4 Prozent zugenommen.

Lass dir helfen!

Bestimmte Dinge beschäftigen dich im Moment sehr? Du hast das Gefühl, in einer ausweglosen Situation zu stecken? Wenn du dir im Familien- und Freundeskreis keine Hilfe suchen kannst oder möchtest, findest du hier einige anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote:

  • Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichst du rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen du über deine Sorgen und Ängste sprechen kannst. Auch ein Gespräch via Chat oder E-Mail ist möglich.
  • Kinder- und Jugendtelefon: Der Verein "Nummer gegen Kummer" kümmert sich vor allem um Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken – erreichbar montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr unter der Rufnummer 116 111.
  • Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Bei MuTeS arbeiten qualifizierte Muslime ehrenamtlich. Ein Teil von ihnen spricht auch türkisch.
  • Hier findest du weitere Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland: suizidprophylaxe.de
Podcast zur Sendung
  • Ab 21
  • Moderator:  Dominik Evers
  • Gesprächspartnerin:  Juliana Anand, Kosmetiksalonbesitzerin aus Hanau
  • Gesprächspartnerin:  Simin Jawabreh, Antirassismus-Aktivistin
  • Gesprächspartner:  Ozan Zakariya Keskinkılıç, Aktivist, erforscht antimuslimischen Rassismus an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin und promoviert an der Berliner Humboldt-Universität
  • Gesprächspartnerin:  Şeyda Kurt, freie Journalistin