Als Claudia Klütsch ein neues Oberhemd ihres Ehemanns waschen will, flattert ihr ein Zettel vor die Füße: der Hilferuf eines Textilfabrikarbeiters in Bangladesch. Es ist der Beginn einer außergewöhnlichen Freundschaft.

"I am a poor man. I need money", steht auf dem kleinen Zettelchen, das Claudia Klütsch in dem Herrenhemd findet. Auf der Rückseite: ein Name und eine Adresse in Bangladesch. Ihr Mann ist skeptisch, aber Claudia nimmt den Hilferuf sofort ernst.

Hilferuf im Hemdkragen: Kleiner Zettel - Große Wirkung

Sie recherchiert im Netz, ob es den Ort wirklich gibt, packt 30 Euro in einen Umschlag und schickt ihn los. 30 Euro, das war ein Monatslohn für Gazi, den Empfänger des Geldes - aber das weiß Claudia zu dem Zeitpunkt noch nicht. Acht Wochen später hält sie einen Dankesbrief in der Hand. Gazi erklärt darin seine Lebenssituation und schickt Fotos der ganzen Familie mit. Um weiteres Geld bittet er nicht.

"I am a poor man. I need money just in life. Please help me. Please your hand for me. I hope that may god bless you. Bangladesh"
Text auf der Vorderseite des Zettelchens, das Claudia Klütsch in einem Hemdkragen fand

Claudia und ihr Mann beschließen, Gazi und seine Familie weiter zu unterstützen. Dreizehn Jahre ist das jetzt her, und es gab viele Auf und Ab, erzählt Claudia. Zum Beispiel, als Trittbrettfahrer das Geld abzugreifen versuchen und das Ehepaar mit einem Fernsehteam nach Bangladesch reist, um Gazi weiter helfen zu können. 

"Man kann auch als normaler Mensch irgendwas bewegen mit Kleinigkeiten. Man muss nur wachsam sein und ein Auge für sein Gegenüber und die Welt haben."
Claudia Klütsch über Engagement und Hilfsbereitschaft

Für Claudia ist das die erste Flugreise ihres Lebens, und die Lebensbedingungen in Bangladesch schockieren sie zutiefst. Einem Arzt in Bangladesch muss sie mitten in der Nacht 500 Euro versprechen, damit der einen Kaiserschnitt an Gazis Frau durchführt, statt sie und das Kind bei der komplizierten Geburt einfach sterben zu lassen. Einmal kommen Claudia auch Zweifel an Gazis Aufrichtigkeit - zu Unrecht, wofür sie sich bis heute schämt. Heute tauscht Gazi mit Claudia und ihrem Man täglich Whatsapp-Nachrichten aus.

"Es ist aus einer Situation heraus wirklich eine Freundschaft entstanden, die für ihn gut ausgegangen ist und für uns auch."
Claudia Klütsch über ihre freundschaftliche Unterstützung eines Textilarbeiters in Bangladesch

Aus der Unterstützung ist Freundschaft geworden, erzählt Claudia. Echte Freundschaft. Sie hat viel gelernt durch Gazi, sagt sie: "Wir haben einen ganz anderen Blick auf die Welt bekommen." Auf Flüchtlinge zum Beispiel, insbesondere Wirtschaftsflüchtlinge. Was sie gelernt habe, könne man mit keinem Geld der Welt bezahlen. 

Festes Haus und Schulbildung dank Unterstützung 

Und Gazi kaufte sich von dem Geld unter anderem Steine und konnte seiner Familie nach ein paar Jahren ein festes Haus bauen. Dank Claudia und ihrem Mann lebt die Familie nicht mehr in einer Wellblechhütte. Und seine Kinder können zur Schule gehen - sie sollen es mal besser haben als ihre Eltern. 

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