Die Schmelzrate der Gletscher im Himalaya hat sich in den letzten Jahren verdoppelt. Das hat nicht nur langfristige Folgen, sondern betrifft auch rund 800 Millionen Menschen direkt. Denn die sind auf das Trinkwasser, die Wasserkraft und die Bewässerung für die Landwirtschaft angewiesen.

Dass die Himalaya-Gletscher wegschmelzen, ist bereits bekannt und war auch schon mehrfach Thema von wissenschaftlichen Studien. Jetzt hat ein Wissenschaftsteam im Fachjournal Science Advances eine neue Studie dazu veröffentlicht: Zwischen 1975 bis 2000 haben die Gletscher im höchsten Gebirge der Erde pro Jahr rund 25 Zentimeter Eis verloren. Die Menge hat sich auf fast 50 Zentimeter verdoppelt seit dem Jahr 2000.

Ein Viertel weniger Gletscher

Somit verlieren die Gletscher acht Milliarden Tonnen Wasser pro Jahr. Das ist vergleichbar mit der Menge von drei Millionen große Schwimmbecken. Noch lagern rund 600 Milliarden Tonnen Eis in den Gletschern rund um den Himalaya. Vermutlich ist in den letzten 40 Jahren bereits ein Viertel der Gletschermasse weggeschmolzen.

Neue Erkenntnisse dank Spionage-Satelliten

Vor Kurzem sind Satelliten-Fotos freigegeben worden, die lange geheim waren. Zum Teil wurden diese Fotos von Spionage-Satelliten gemacht, die noch aus der Zeit des Kalten Krieges stammen. Diese Fotos bieten Daten darüber, wie sich die Himalaya-Region in den letzten vier Jahrzehnten verändert hat.

"Ein Teil der Daten stammt von Spionage-Satelliten aus den USA, ab 1975 – also noch aus dem Kalten Krieg."
Britta Wagner, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichten

Aus den alten Spionage-Fotos und moderneren Höhen-Fotos hat das Forschungsteam dann ein 3D-Modell gebaut. Daran können die Forscher erkennen, wie sich die Höhen der Gletscher – über eine Strecke von 2000 Kilometern – von Indien, China, Nepal bis nach Bhutan verändert haben. Die 650 größten Gletscher wurden analysiert, die zusammen mehr als die Hälfte des ganzen Eisvolumens ausmachen.

Die Forscher haben festgestellt, dass die Gletscherschmelze von verschiedenen Faktoren verursacht wird. Beispielsweise bringt der Monsun-Regen Wasser in die Bergregion, das dann auf den Gletschern zu Eis gefriert. Gibt es weniger Niederschläge, dann fehlt der Wassernachschub für das Gletschereis.

Die Menschen in der Himalaya-Region heizen meist mit Kohle oder Öl. Dadurch kommt viel Ruß in die Luft, der sich dann auf den Gletschern ablagert. Auch dass kann ein Grund dafür sein, dass die Gletscher schneller schmelzen.

Überschwemmungen durch Gletscherschmelze

Für die Menschen in der Himalaya-Region sind die Folgen der Gletscherschmelze direkt spürbar. Rund 800 Millionen Menschen sind von dem Schmelzwasser der Gletscher abhängig: egal ob als Trinkwasser, für die Wasserkraft oder zur Bewässerung für die Landwirtschaft.

"Insgesamt denken wir bei Gletscherschmelze natürlich immer an die Bedrohung für den Meeresspiegel, aber im Himalaya sind andere Folgen direkter – für rund 800 Millionen Menschen in der Umgebung."
Britta Wagner, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichten

Doppelte Schmelzrate - doppeltes Problem: Wenn die Gletscher zu schnell schmelzen, droht eine Überschwemmung durch die Flüsse, die das Schmelzwasser aus dem Gebirge ins Flachland bringen. Und wenn die Gletscher dann nach und nach weg sind, gibt es natürlich auch immer weniger Wasser, weniger Wasserkraft und weniger für die Bewässerung der Felder, auf denen Lebensmittel angebaut werden.

Problematisch ist auch, dass zuerst die Gletscher in den tieferen Bergregionen schmelzen, wo mehr Menschen leben.