Von Heilung wollen die Forscher nicht sprechen, aber sie feiern den zweiten Fall, bei dem ein HIV-Patient nach einer Stammzelltransplantation frei von HI-Viren ist.

Diese Nachricht wird wohl vielen Menschen Hoffnung machen: Das Fachmagazin Nature berichtet von einem HIV-Patienten, der nach einer Stammzelltransplantation keine HI-Viren mehr hat. Die Forscher feiern diesen Fall, weil es schon der zweite Patient ist, bei dem diese Methode gewirkt hat – somit ist es kein Einzelfall mehr. 

Schon vor zehn Jahren hatte eine Stammzelltransplantation beim sogenannten Berliner Patienten gewirkt. Auch er war danach frei von HIV-Symptomen. Die Frage für die Wissenschaft war aber, ob nicht die Summe vieler einzelner Faktoren dazu geführt hat. Durch den aktuellen sogenannten Londoner Patienten haben sie eine Bestätigung dafür, dass die Methode wirkt. Seit eineinhalb Jahren nimmt er keine HIV-Medikamente mehr und seitdem wurden auch keine HI-Viren mehr bei ihm festgestellt. Trotzdem wird dieser Fall nicht als Durchbruch gewertet.

Behandlungsmethode ist lebensbedrohlich

Nach Ansicht von Experten zeigt der zweite Fall, bei dem die Stammzelltransplantation erfolgreich war, dass die Therapie grundsätzlich wiederholbar ist – allerdings mit großen Einschränkungen. Das hat mit den speziellen Bedingungen des Falls zu tun.

Der Londoner Patient hatte zwei schwere Erkrankungen: HIV und Krebs. Wegen dieser Krebserkrankung wurde die Stammzelltransplantation überhaupt erst durchgeführt. Und auch beim Spender gab es eine Besonderheit: Der hatte eine bestimmte Mutation, die ihn resistent gegen eine HIV-Infektion macht. Und die wurde bei der Transplantation mit übertragen.

Dass die Forscher diese Methode nicht grundsätzlich auch an anderen Patienten anwenden wollen, liegt daran, dass der Verlauf der Behandlung, wie sie bei beiden Patienten stattgefunden hat, schlicht lebensbedrohlich ist, sagt Kathrin Baumhöfer aus der Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion.

"Eine lebensgefährliche Therapie – und das sagen Ärzte und Experten – steht in keinem Verhältnis zu dem, was behandelt wird. Denn eine HIV-Infektion lässt sich zwar nicht heilen, aber ganz gut stabilisieren."
Kathrin Baumhöfer, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion

Beim Londoner Patienten musste im Vorfeld der Stammzelltransplantation das komplette Immunsystem herunter gefahren werden: Er bekam also zunächst Chemotherapie und Bestrahlung, um den Krebs zu bekämpfen – was dazu führt, dass sein Körper sich gegen keine Infektion mehr wehren kann. Das ist ein lebensbedrohlicher Zustand, sagt Kathrin Baumhöfer. Aber erst dann sei der Patient bereit für die Knochenmarktransplantation. 

Eine Perspektive, die sich aus diesem Fall allerdings ergibt, ist, dass in Zukunft bei der Kombination aus Krebs und HIV gezielt nach Spendern gesucht werden könnte, die eine Immunität für HI-Viren haben. Der Prozentsatz sei allerdings sehr gering, sagt Kathrin Baumhöfer. 

Wissenschaft sucht nach gezielten HIV-Behandlungsmethoden

Die Wissenschaft wird jetzt sicherlich nach Methoden suchen, mit denen das HI-Virus bekämpft werden kann, ohne das komplette Immunsystem herunterzufahren. Eine Gentherapie wäre hier denkbar. Dazu laufen aktuell auch schon Experimente, sagt Kathrin Baumhöfer. Unter anderem vom chinesischen Forscher He Jiankui. Das ist jener Forscher, der sich vor ein paar Monaten medial inszenierte, weil er behauptet hatte, zum ersten Mal das Erbgut von menschlichen Embryonen manipuliert und ein Gen ausgeschaltet zu haben, sodass sich die Babys nicht mit HIV anstecken können. 

Vertrauenswürdige Studien zielen laut Kathrin Baumhöfer aber auf eine gezielte und künstlich herbeigeführte Mutation – in diesem Fall in den Blut-Stammzellen. Solche Versuche seien seit der Entwicklung der Genschere Crispr/Cas wesentlich einfacher geworden. Das Wunschergebnis wäre, dass der so behandelte Patient nur noch Stammzellen hat, die ausschließlich Immunzellen produzieren, denen das HI-Virus nichts mehr anhaben kann.

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