Jeder von uns will gesund werden, wenn er krank ist – und das am besten mit den modernsten Mitteln. Doch was ist überhaupt medizinischer Fortschritt - und nützt er uns? Das fragt der Medizinethiker Urban Wiesing in unserem Hörsaal.

Urban Wiesing räumt mit der Vorstellung auf, dass medizinischer Fortschritt immer nur gut sei. Selbst enorme Forschungsanstrengungen, die in den vergangenen Jahren sehr viel Geld verschlungen haben, hätten beispielsweise in der Psychiatrie keine einzige neue Therapie hervorgebracht. Auch zusätzliches Wissen in der Medizin nütze den Patientinnen und Patienten zunächst einmal nichts. Die Umsetzung neuer Erkenntnisse in effektive Anwendungen sei noch lange nicht garantiert. Eine große Schuld sieht er bei den Forschungseinrichtungen selbst, die seiner Meinung nach ständig Fehler begehen.  

"Bei der Einwerbung von Drittmitteln verstößt die forschende Medizin gegen ihre Grundtugenden. Stattdessen feiert sie sich selbst unangemessen."

Nach dem Vortrag des Medizinethikers hatte der Veranstalter, die Nationalakademie Leopoldina, zu einer Gesprächsrunde mit weiteren Ärzten geladen: Der Altersforscher Cornel Sieber berichtet davon, dass ältere Menschen heutzutage viele Medikamente verschrieben bekommen, deren Wirkung gerade bei ihnen völlig unklar sei. Und die Kinderärztin Annette Grüters-Kieslich, Leitende Ärztliche Direktorin des Universitätsklinikums Heidelberg, kritisierte Ähnliches bei Therapien.

Insgesamt wurde auf dem Symposium aus fachlicher Sicht mit der allgemein verbreiteten Ansicht aufgeräumt, dass jede Neuentdeckung in der Medizin automatisch gut sei.

Urban Wiesing ist Medizinethiker an der Eberhard Karls-Universität in Tübingen, Cornel Sieber Geriater in Nürnberg und Annette Grüters-Kieslich Pädiaterin in Heidelberg. Sie alle haben sich am 1. Februar 2018 auf einem Symposium der Leopoldina in Berlin zu Wort gemeldet. Das Tagungsthema lautete: "Wie kommt der Patient zum medizinischen Fortschritt?"   

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