Die digitale Medizin entwickelt sich rasant. Thomas Schulz beobachtet die Entwicklung im Silicon Valley und hat darüber das Buch "Zukunftsmedizin" geschrieben. Denn: "Digitale Medizin wird das nächste große Ding."

In den vergangenen 50 bis 100 Jahren hat sich die Medizin rasant weiterentwickelt. Durch den Einsatz von Computern sind medizinische Behandlungen möglich, die vor Jahren noch nicht denkbar waren. Der große Vorstoß in den letzten Jahren war durch digitale Instrumente möglich, erklärt Thomas Schulz. Er lebt und arbeitet als Journalist und Wirtschaftskorrespondent für das Magazin "Der Spiegel" im Silicon Valley. Von dort beobachtet er die Entwicklungen und Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft, Politik und Kultur.

Internet- und Computerkonzerne drängen in den Medizinbereich

Die großen Konzerne im Silicon Valley wie Google oder Start-ups dringen immer stärker in den Medizinbereich vor. Die Unternehmen haben festgestellt, dass dieser Fortschritt vor allem mit digitalen Instrumenten zu tun hat, sagt Thomas Schulz. Damit und mit neuen Behandlungsmethoden wollen sie die Medizin revolutionieren. 

"Es gibt neue Krebstherapien, die vor fünf Jahren undenkbar waren, ganz neue Medikamente und letztes Jahr wurde ein Stapel Gentherapien zugelassen, was immer so ein Science-Fiction-Thema war."
Thomas Schulz, Autor von "Zukunftsmedizin: Wie das Silicon Valley Krankheiten besiegen und unser Leben verlängern will"

Dank Computertechnik sind jetzt DNA-Analysen möglich oder Gehirne können mit Computertomographien analysiert werden. "Diese Fortschrittsbeschleunigung in der Medizin hat mit Computertechnik zu tun", sagt Thomas Schulz. An diesem Punkt setzen die Informationstechnologiekonzerne an und haben sich zum Ziel gesetzt, Geräte für die digitale Medizin zu entwickeln. Dass digitale Medizin das nächste große Ding wird, haben die Unternehmen spätestens seit der rasanten Entwicklung Künstlicher Intelligenz festgestellt, sagt Thomas Schulz.

Robo-Doc ist noch SiFi

Bei all der Entwicklung zähle aber immer noch die Beziehung zwischen Arzt und Patient, sodass eine reine Behandlung durch einen Robo-Arzt so schnell nicht kommen wird, schätzt Thomas Schulz. Obwohl es längst Robo-Chirurgen-Hilfe beispielsweise in Form des Da-Vinci-Systems bei Operationen gibt. 

Dahin wird die Entwicklung gehen, ist sich Thomas Schulz sicher: Der Arzt wird viele technische Instrumente zur Hilfe haben. Die Instrumente werden in ungefähr drei Jahren Algorithmus gestützt sein, schätzt der Journalist. Denn der Informations-Input wird immer größer werden. Beispiel DNA- oder Gen-Analyse: Sie wird immer mehr zum Standardinstrument, durch das komplexe Datenmengen bearbeitet werden.

Algorithmen liefern bessere Diagnosen als Ärzte

Bei der Analyse von Hautkrebs ist beispielsweise der Algorithmus jetzt schon besser als ein Hautarzt, erklärt Thomas Schulz. An der Methode hat der Ingenieur Sebastian Thrun gearbeitet, der für Google das selbstfahrende Auto entwickelt hat. "Da sieht man halt, wie diese Forschungskonvergenz stattfindet, der macht erst Autos und jetzt macht er Krebs." Das geht zusammen, sagt Thomas Schulz, weil der Algorithmus die Arbeit macht: "Er kann ein Auto steuern, er kann aber auch Krebs analysieren." 

"Sebastian Thrun hat einen Algorithmus gebaut, der besser und schneller Hautkrebs erkennt als Hautärzte."
Thomas Schulz, Autor von "Zukunftsmedizin: Wie das Silicon Valley Krankheiten besiegen und unser Leben verlängern will"

Grundlage für den Algorithmus ist eine Studie, die die Wissenschaftler in Nature veröffentlicht haben. Dabei haben sie eine Software mit Fotos gefüttert, die Formen von Hautkrebs und normale Leberflecke abbilden, und gleichzeitig gesagt, welche Formen Hautkrebs sind und welche nicht. "Und das haben sie 129.500-mal gemacht", erzählt Thomas Schulz. Das hat für den Computer ausgereicht, um zu lernen, rein visuell zwischen "Hautkrebs" und "kein Hautkrebs" zu unterscheiden. Das macht zwar der Hautarzt auch, wenn er aber unsicher ist, schickt er eine Hautprobe erst zur Biopsie ein. Das ist jetzt dank des Algorithmus überflüssig geworden.

Demnächst: Diagnose per Smartphone

"Der nächste Schritt ist, den Algorithmus in die Cloud zu legen", erklärt Thomas Schulz. "Dann kannst du mit deinem eigenen Handy Fotos von deinem Leberfleck machen und sie durch den Algorithmus jagen." Je nach Ergebnis kommt dann die Empfehlung zum Arzt zu gehen oder sich einfach entspannt keine Gedanken zu machen.

"Natürlich sagt der Algorithmus nicht, ich mache noch die OP hintendran, sondern du musst schon noch zum Arzt gehen. Aber das ist jetzt schon ein Riesensprung. Das ist heute Realität und kein Science-Fiction-Projekt. Und davon gibt es ganz viele."
Thomas Schulz, Autor von "Zukunftsmedizin: Wie das Silicon Valley Krankheiten besiegen und unser Leben verlängern will"

Ähnlich wie den Hautkrebs-Algorithmus gibt es viele andere Projekte, die ähnlich funktionieren, sagt Thomas Schulz. Dafür werden große Datenmengen von Algorithmen verarbeitet, die daraus lernen Krankheiten zu erkennen.

Experten-Streit: Wird KI eigenes Bewusstsein entwickeln?

Ein offener Streit unter den Informatik-Experten im Silicon Valley ist derzeit noch, was Künstliche Intelligenz in Zukunft wirklich leisten kann, erzählt Thomas Schulz. Die einen sagen, dass Künstliche Intelligenz immer besser darin wird Muster zu erkennen und immer mehr Informationen zu verarbeiten, aber das wird über das, was sie heute kann, nicht mehr wesentlich hinausgehen. Die anderen sagen, dass es nicht auszuschließen sei, dass sie auch so etwas wie ein Bewusstsein entwickeln kann. Wie lange das dauern würde, ist offen. Für diese Gruppe Experten ist klar, dass sich Maschinen irgendwann verselbstständigen werden, erzählt Thomas Schulz.

"Worin sich alle Experten einig sind, ist, dass wir in den nächsten fünf oder zehn Jahren eine wahnsinnige Beschleunigung sehen werden, und dass am Ende in jeder Software Künstliche Intelligenz stecken wird."
Thomas Schulz, Autor von "Zukunftsmedizin: Wie das Silicon Valley Krankheiten besiegen und unser Leben verlängern will"

Mediziner, die neue Methoden entwickeln wollen, finden im Silicon Valley ideale Bedingungen vor, sagt Thomas Schulz. Was zur Folge hat, dass Mediziner, die in Deutschland keine Finanzierung für ihre Projekte finden, in die USA abwandern würden.

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