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Störche, die ihren Nachwuchs aus dem Nest schubsen, oder Eisbären, die ihre Babys auffressen – für uns Menschen wirken diese Verhaltensweisen mehr als skurril, im Tierreich sind sie aber gängige Praxis.

Als das Eisbärenweibchen Wilma aus dem Nürnberger Zoo vor zehn Jahren ihre beiden Babys nicht nur tötete, sondern auch auffraß, war das Entsetzen unter uns Menschen groß. Eine Theorie von Tierschützern führte das Töten des Nachwuchses auf das gestörte Sozialverhalten zurück, dass sich die Tiere durch ihre Gefangenschaft im Zoo aneigneten. Genau konnte es aber nie untersucht werden.

Doch Kindstötungen kommen nicht nur im Zoo vor, sondern noch viel häufiger in freier Wildbahn. Für diese Infantizide haben Forschende bisher ganz unterschiedliche Theorien aufgestellt, erzählt Biologe Mario Ludwig.

Töten mit Voraussicht

Ein bekanntes Beispiel: Störche, die ihren Nachwuchs entweder auffressen oder einfach aus dem Nest schubsen. Kronismus wird dieser Vorgang bei Elternvögeln genannt und bezieht sich auf die griechische Sage, in der der Titan Kronos vorsorglich seine Kinder aufaß, damit sie ihm später nicht den Thron wegnehmen können.

Die Forschenden gehen davon aus, dass auch Störche einen Teil ihres Nachwuchs aus einer klugen Voraussicht heraus töten. Denn die bekannteste Theorie geht davon aus, dass gerade Tiereltern, die ihrem Nachwuchs eine besonders aufwändige Brutfürsorge bieten, ihr schwächstes Junges töten, wenn es so scheint, als würde es nicht mehr genug Nahrung für alle geben. Wenn das schwächste Glied, dessen Überlebenschancen sowieso gering wären, getötet wird, werden die Überlebenschancen der anderen Jungen erhöht, erklärt Mario Ludwig.

"Durch die Beseitigung eines schwächlichen Fressers, der aus Sicht der Eltern sowie so nur begrenzte Überlebenschancen hat, werden natürlich die Überlebenschancen der verbleibenden, deutlich stärkeren Sprösslinge erhöht."
Mario Ludwig, Biologe

Zudem fiel in Untersuchungen auf, dass es meist junge Storcheneltern waren, die ihre eigenen Jungen getötet haben. Wissenschaftler vermuten deshalb, dass man das Fehlverhalten auch auf nicht genügend ausgereifte Brutpflegeinstinkte der Erstbrüter zurückführen könnte.

Löwen töten den Nachwuchs der anderen

In vielen Fällen erstrecken sich die Infantizide auch auf den Nachwuchs fremder Artgenossen. So beispielsweise bei den Löwen. Männliche Löwen töten oft ganz gezielt die Jungen ihres Vorgängers, wenn sie die Herrschaft über das Rudel übernommen haben. Denn damit sind die Löwenmütter wieder paarungsbereit und das neue Männchen kann schneller eigenen Nachwuchs zeugen und so seine Gene weitergeben.

"Männliche Löwen töten oft, nachdem sie die Herrschaft über ein Rudel erlangt haben ganz gezielt die Jungen ihres Vorgängers."
Mario Ludwig, Biologe

Schnell eigenen Nachwuchs zu bekommen, ist den Anführern von Rudeln besonders wichtig, da der Abstand zwischen den Geburten zwei bis drei Jahre beträgt. Da ihm im Schnitt nur drei bis fünf Jahre bleiben, bis er wieder von einem jüngeren und stärkeren Männchen als Rudelchef abgelöst wird, muss sich der Löwe eben beeilen, so Mario Ludwig.

Männchen austricksen, Nachwuchs behalten

Braunbärenweibchen lassen sich von diesen machtgetriebenen Tötungsambitionen ihrer Männchen nicht aus dem Konzept bringen. Denn auch hier bringen die Braunbärmännchen oft den Nachwuchs der Weibchen um, wenn diese bereits mit einem anderen Männchen Nachwuchs gezeugt haben und deshalb nicht paarungswillig sind.

Forschende der Universität Wien haben jedoch vor einigen Jahren beobachten können, dass die Braunbärweibchen eine raffinierte Gegenstrategie entwickelt haben, um den Infantizid an ihrem Nachwuchs zu verhindern: Sie haben einfach mit mehreren Männchen gleichzeitig Sex und lassen so alle Männchen in dem Glauben, der Nachwuchs sei ihr eigener.