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Obwohl die Emissionen 2020 zurückgegangen sind, ist Luisa Neubauer, Mitbegründerin der deutschen "Fridays for Future"-Bewegung, unzufrieden mit dem Ergebnis. Im Interview erklärt die 24-Jährige, warum die Klimapolitik trotz Corona nicht warten darf und was Deutschland von den USA lernen kann.

Die Welt dreht sich seit fast einem Jahr um die Pandemie. Luisa, du kämpfst weiter für das Klima. Bevor wir dazu kommen: Mit welchem Gefühl stehst du aktuell morgens auf?

Luisa Neubauer: Es ist eine sehr ambivalente Zeit. Ich erlebe in meinem Umfeld schon, dass sich Trostlosigkeit breitmacht. Auf der anderen Seite fallen mir jeden Tag, an dem ich die Ungerechtigkeiten und Belastungen beobachte, mehr Gründe ein, warum wir von unseren Forderungen und vor allem von dem Ziel einer klimagerechten Welt nicht ablassen sollten.

Habt ihr aktuell bei Fridays for Future denn genügend Power?


Luisa Neubauer: Wir sind auf jeden Fall dabei, den nächsten globalen Klimastreik vorzubereiten. Mich inspiriert es jeden Tag maximal, mit Leuten zusammenzukommen, die alle gerade die Zähne zusammenbeißen. Sie bleiben bei der Sache, auch wenn es hart ist.

Du hast im Spiegel-Interview gesagt, 2020 sei für das Klima eine Katastrophe gewesen, obwohl in der Pandemie weniger CO2 ausgestoßen wurde. Wie passt das zusammen?


Luisa Neubauer: Die Emissionseinsparungen im letzten Jahr waren extrem unfreiwillig. Sie stehen in keiner Weise im Zusammenhang mit einem klimapolitischen Willen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen auch, dass diese Einsparungen kaum Auswirkungen auf die langfristige Emissionsentwicklung haben werden.

Was wäre also der richtige Weg?


Luisa Neubauer: Für den Klimaschutz und die Einhaltung des Pariser Abkommens braucht es eine Strategie und nachhaltiges Handeln. Man muss auch bedenken, dass 2020 die mediale Aufmerksamkeit sehr auf der Corona-Krise lag. Auch die ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Themen waren auf die Pandemie ausgerichtet. Das ist nachvollziehbar, wir alle wollen Corona schnell und gerecht bewältigen. Die Regierungen haben aber gezeigt, wie schwer es ihnen fällt, mehrere Krisen gleichzeitig ernst zu nehmen.

Andererseits zeigt die Corona-Pandemie aber auch, dass schnelles Handeln seitens der Politik möglich ist. Könnte uns das nicht in Bezug auf die Klimapolitik positiv stimmen?


Luisa Neubauer: Schon, wenn da nicht dieses extrem kleine Zeitfenster wäre, in dem es nötig ist, Weichen zu stellen. Wir sprechen ja von einer gigantischen Transformation. Die muss irgendwie eingeleitet werden. Hätten wir in der Klimafrage alle Zeit der Welt, könnte man sagen, wir kümmern uns erst um Corona und dann um die Klimakrise. Dem ist aber nicht so. Es braucht sogar eine Parallelität. Dazu kommt natürlich, dass Corona und die Klimakrise sehr eng miteinander in Verbindung stehen. Wenn man genauer hinterfragt, woher die Coronakrise und die pandemische Zeit kommen, landet man ganz schnell bei Naturzerstörung und dem ökologischen Raubbau.

Was muss denn gleichzeitig angepackt werden?

Luisa Neubauer: Das sind unzählig viele Dinge. Aber was ganz konkret ansteht, sind die fossilen Megaprojekte. Da wird zum Beispiel die Kohlegrube im Rheinland ausgeweitet, obwohl man weiß, dass wir uns die Braunkohle nicht leisten können. Ein anderes Beispiel ist Mecklenburg-Vorpommern und der Ausbau der Pipeline, von der man weiß, dass sie nicht gebraucht wird. Gleichzeitig müsste in die Dekarbonisierung der Infrastruktur investiert werden.

Trotzdem macht doch die Pandemie Hoffnung, weil sie zeigt, dass Dinge angepackt werden, wenn es brennt.

Luisa Neubauer: Umso irritierender ist es dann doch, wie vehement sich Regierungen an fossile Energien klammern, Abwrackprämien für Autos vorschlagen und Pipelines verteidigen. Oder darauf bestehen, dass die Dörfer im Rheinland noch zerstört werden, weil unter ihnen Braunkohle schlummert. Natürlich passt das nicht mehr zusammen.

Und was sagst du zu Joe Biden, der die USA bis 2050 klimaneutral machen will?


Luisa Neubauer: Die USA zeigt gerade eindrücklich, was ein vor den Wahlen aufgebauter politischer Druck verändern kann. Das sollte uns in Deutschland sehr, sehr motivieren. Aber natürlich ist Bidens Politik noch hochgradig symbolisch. Jetzt kommt es darauf an, die Ziele umzusetzen. Das heißt, den unbequeme Teil hat er noch vor sich.