Im Wald joggen oder spazieren – das kann in Frankreich gefährlich werden – vor allem in der Jagdsaison. Vor kurzem haben Jäger in der Bretagne auf zwei Surfer geschossen. Sie sagen, sie hätten sie "mit Fasanen verwechselt". Im Oktober musste ein Mountainbiker in den Savoyen sterben, weil ein Jäger ihn mit einem Wildschwein verwechselt hatte. 2018 gab es bereits 18 Tote durch Jagdunfälle in Frankreich. Wir fragen uns: Was ist da bei den Nachbarn los? Und gibt es diese Probleme auch bei uns?

In der Vergangenheit war die Todesrate bei Jagdunfällen in Frankreich sogar noch höher: 1999 starben insgesamt 39 Menschen. Danach gingen die Zahlen dann aber nach und nach zurück. Besonders feinfühlig sind die Vertreter, die sich für die Jagd einsetzen dabei nicht. Da ist die Rede davon, dass die Medien "hypersensibilisert" seien, wenn es um Jagdunfälle gehe. Und im Oktober, nach dem Tod des Mountainbikers, twitterte der Abgeordnete Alain Perea: "Die Jagd dauert nur vier Monate im Jahr. Warum verbieten wir nicht das Mountainbiken während der Jagdsaison?" 

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Perea entschuldigte sich später für seinen Tweet. Dennoch ist die Reaktion ein gutes Beispiel dafür, welchen Stellenwert die Jagd in Frankreich hat und wie stark die Lobby der Jäger ist. Insgesamt haben 1,1 Millionen Franzosen einen Jagdschein. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es nicht einmal 400.000 Jäger. Die Süddeutsche Zeitung hat sich mit dem Fall näher befasst und vermutet, dass die Jäger eine große Wählergruppe darstellen. Auch Präsident Emmanuel Macron gilt als Jagdfreund und hat zum Beispiel seinen Geburtstag auf einem bekannten Jagdschloss gefeiert.

"Es gibt keine Statistik namens tödliche Jagdunfälle."
Pascal Fischer, Deutschlandfunk Nova

Wenn wir nach Deutschland schauen, wird es schwer, einen Vergleich mit Frankreich herzustellen, weil es keine Gesamtstatistik gibt, die Jagdunfälle in der gesamten Bundesrepublik erfasst. Der Deutsche Jagdverband wertet jedoch unterschiedliche Quellen aus, um an Zahlen zu kommen: Meldungen von Presseagenturen, Zahlen des Statistischen Bundesamtes zu Todesfällen und die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau, bei der Unfälle gemeldet werden müssen.

"Etwa null bis zwei Todesfälle sind pro Jahr sehr wohl zu verzeichnen. Da muss man ganz klar oben drüberstellen: Jeder Unfall ist natürlich einer zu viel."
Andreas Schneider vom Jagdverband in NRW

Während Andreas Schneider vom Jagdverband NRW davon ausgeht, dass jedes Jahr bis zu zwei Menschen sterben, weil sie von einem Jäger mit Wild verwechselt werden, weist Kurt Eicher, Chef der Initiative zur Abschaffung der Jagd, andere Zahlen vor. Dieses Jahr seien schon mindestens acht Menschen bei Jagdunfällen ums Leben gekommen. Kurt Eicher geht jährlich von 30 bis 40 Todesfällen aus. Der Jagdverband sagt wiederum, dass Eicher seine Statistik nicht korrekt erstelle.

Treibjagden sind besonders gefährlich

Besonders gefährlich – auch für Jogger und Spaziergänger – sind Tage, an denen die Jäger eine Treibjagd veranstalten. Da bewegen sich die Jäger durch den Wald, Treiber und auch Treibhunde scheuchen das Wild im Unterholz auf. Andreas Schneider erklärt, dass an diesen Tagen Warnschilder aufgestellt werden. Und dass man viel für die Sicherheit tue: Forstämter lassen den Wald sperren, Jäger tragen Warnwesten und Verkehrsbehörden drosseln die Geschwindigkeit auf den umliegenden Straßen.

"Die Kugel hält ja nicht am Zaun auf. Die hört auch nicht am Wald auf. Wenn ein entsprechender Schuss abgegeben wurde, ist es durchaus möglich, dass es da Opfer gibt, die gar nicht in dem bejagten Areal unterwegs waren!“
Kurt Eicher, Initiative zur Abschaffung der Jagd

Jäger tragen Signalwesten, sind also gut von Wild zu unterscheiden. Jogger oder Spaziergänger hingegen eher nicht. Kurt Eicher von der Initiative zur Abschaffung der Jagd findet, dass diese Sicherheitsmaßnahmen Augenwischerei seien, denn schließlich bremst eine Kugel nicht unbedingt ab, wenn sie die Waldgrenze erreicht hat. Außerdem weist er auf andere Gefahren hin, zum Beispiel auf angeschossene Hirsche, die in Panik auf die Fahrbahn rennen.

Und manchmal sind es eben auch kleine Details, die dann eben doch den Unterschied machen: An Silvester 2017 waren Spaziergänger mit Kleinkindern im bayerischen Perlach in eine Jagd geraten. Der Wald war nicht abgesperrt – musste er auch nicht - weil es keine große Treibjagd war. Nur vier Treiber hatten daran teilgenommen, darum war die Veranstaltung nur als kleinere "Gesellschaftsjagd" ausgewiesen. Die Spaziergänger kamen in diesem Fall mit einem Schrecken davon.

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