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Johanna war gerade einmal acht Jahre alt, als ihr Bruder plötzlich und unerwartet verstarb. Sie erzählt, warum sie ihre Gefühle lange verborgen hat und was sie schließlich dazu gebracht hat, die Trauer zuzulassen.

Obwohl Johanna damals erst acht Jahre alt war, kann sie sich noch sehr genau an diesen einen Sonntagmorgen im Februar des Jahres 2002 erinnern. Ihr Bruder sei im Keller des Elternhauses im Musikzimmer gewesen, um dort Schlagzeug zu spielen. Weil die Familie aber zu den Großeltern fahren wollte, habe die Mutter schließlich nach dem damals 19-Jährigen gerufen.

"Bis heute weiß keiner so richtig, was passiert ist."
Johanna über den Tod ihres Bruders

Als die Mutter keine Antwort bekam, sei sie nach unten gelaufen und habe dort den toten Jungen gefunden. Woran der Bruder verstorben ist, sei bis heute unklar. Weder die Obduktion noch die polizeilichen Ermittlungen hätten eine eindeutige Todesursache ergeben. Man vermute eine Herzmuskelentzündung als Grund für den plötzlichen Tod, so Johanna.

Johanna ließ ihre eigene Trauer nicht zu

Während der Krankenwagen eintraf, habe sich Johanna in ihrem Kinderzimmer beschäftigt. Schließlich habe ihr Vater ihr erklärt, was passiert sei. Geweint habe sie erst, als sie Freundinnen auf der anderen Straßenseite besuchte und ihnen erzählte, was geschehen war. Doch die Trauer um ihren Bruder habe sie lange nicht zugelassen, sagt Johanna heute.

"Ich habe an dem Tag abends schon angefangen, so zu tun, als wäre gar nichts passiert."
Johanna über ihren Umgang mit der Trauer

Sie sei in Schock gewesen, habe nicht so richtig gewusst, wohin mit sich, erinnert sich Johanna an den Tag. "Ich wusste aber auch, dass es meiner Familie genauso geht. Ich wusste, wenn ich das anspreche, dass das für sie eine zusätzliche Belastung sein könnte und das wollte ich nicht", sagt sie. "Deshalb habe ich vom ersten Tag an so getan, als wäre nichts gewesen."

Die erste Reaktion ihrer Eltern sei es gewesen, Johanna schützen zu wollen. "Sie wollten mich vor ihrer eigenen Traurigkeit schützen, mir aber auch den Alltag nicht nehmen", erinnert sie sich. Johanna sei am Tag nach dem Tod ihres Bruders wieder in die Schule gegangen. Rückblickend, sagt sie, sei sie ganz froh um die Ablenkung von zu Hause.

Erst als sie sich selbst nicht mehr versteht, holt sich Johanna Hilfe

Ihre Trauer um ihren Bruder habe Johanna lange Zeit verdrängt, so Johanna. "Ich habe mein Leben lang versucht, meine Eltern vor meinen Gefühlen zu schützen. Ich hatte unterbewusst immer das Gefühl, dass wenn ich das jetzt erzähle, dass ich dann eine Belastung werde", sagt sie.

Erst etwa zehn Jahre nach dem Tod ihres Bruders habe Johanna gemerkt, dass etwas nicht stimme. "Immer, wenn ich versucht habe, mich zu binden oder eine Beziehung einzugehen, dann hat von einer Sekunde auf die andere etwas in mir umgeschaltet und ich habe gesagt: 'Nee, ich will das nicht'", erinnert sie sich. Doch die damals 18-Jährige habe sich ihr Verhalten nicht erklären können.

Eine Freundin habe Johanna schließlich dazu gebracht, deshalb einen Arzt aufzusuchen, der überwies sie zum Psychologen und sie begann eine Therapie. So habe sie auch die regelmäßigen Albträume und die Nervenzusammenbrüche, die sie immer wieder hatte, besser zuordnen können.

"Was ich nicht verstanden habe, war, dass ich durch dieses Ereignis traumatisiert war. Ich dachte immer, dass das doch schon so lange her ist."
Johanna über ihren Trauer-Prozess

Bis zu ihrer Therapie habe sich Johanna nicht zugestanden, dass sie der Tod ihres Bruders noch stark belaste, inzwischen könne sie die Trauer zulassen. "Es ist immer noch scheiße und ich vermisse ihn immer noch – als Person und als Bruderfigur. Aber ich glaube, dass ich jetzt besser damit umgehen kann, auch weil ich mir erlaube, traurig zu sein", sagt Johanna.

Lass dir helfen!

Bestimmte Dinge beschäftigen dich im Moment sehr? Du hast das Gefühl, in einer ausweglosen Situation zu stecken? Wenn du dir im Familien- und Freundeskreis keine Hilfe suchen kannst oder möchtest, findest du hier einige anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote:

  • Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichst du rund um die Uhr Mitarbeitende, mit denen du über deine Sorgen und Ängste sprechen kannst. Auch ein Gespräch via Chat oder E-Mail ist möglich.
  • Kinder- und Jugendtelefon: Der Verein "Nummer gegen Kummer" kümmert sich vor allem um Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr unter der Rufnummer 116 111.
  • Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeitenden von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Bei MuTeS arbeiten qualifizierte Muslime ehrenamtlich. Ein Teil von ihnen spricht auch türkisch.
  • Hier findest du eine Übersicht von Telefon- und Online-Beratungen in Deutschland: suizidprophylaxe.de.

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