Antisemitisch, links, in der Tradition von Mao und Stalin: Die Neuköllner Gruppe "Jugendwiderstand" ist für Behörden und Polizei schwer einzuordnen. Fest steht: Sie ist gewaltbereit.

Die Gruppe "Jugendwiderstand" aus Neukölln nennt sich links, bezieht sich auf Mao und Stalin, attackiert Andersdenkende, ist israelfeindlich und offen für ehemalige NPD-Mitglieder. Nicht nur für die Polizei war das lange schwer einzuordnen. Die Gruppe nennt sich links - passt aber kaum zu etwas, was wir traditionell mit Linkssein verbinden.

Bei Demonstrationen und Veranstaltungen kommen um die 100 Teilnehmer zusammen - der harte Kern dieser Gruppe besteht aus 15 bis 20 Leuten. Sie sind vorwiegend männlich, zwischen 20 und 40 Jahre alt und machen Kampfsport. Sie sagen, es gehe um Muskeln, Männlichkeit und Stärke, für den Kampf gegen das System - so fasst es Deutschlandfunk-Nova-Reporter Manfred Götzke zusammen.

Die Gruppe ist vor allem im Richardkiez in Berlin Neukölln unterwegs. In fast jeder Straße haben sie dort ihre Symbole "JW" für "Jugendwiderstand" getaggt – dazu Hammer und Sichel. Aber auch Sachen wie "9 mm für Zionisten" - was nichts anders als eine Morddrohung gegen Juden darstellt, sagt Manfred Götzke.

Graffiti Jugendwiderstand in Neukölln.
© imago | Klaus Martin Höfer
Graffiti vom Jugendwiderstand

Die Gruppe Jugendwiderstand beruft sich auf maoistische und stalinistische Tradition, ist zugleich antisemitisch und auf Demonstrationen gerne mit Palästinensergruppen unterwegs. Juden, oder Menschen, die sich gegen Antisemitismus engagieren, werden vom Jugendwiderstand gewaltsam attackiert, sagt Manfred Götzke.

Er hat mit Menschen in Neukölln gesprochen, die die Aggression und Gewalt des Jugendwiderstands miterlebt haben. Meist passierten die Übergriffe auf antisemitischen Kundgebungen vom Jugendwiderstand und palästinensischen Gruppen, sagt er.

"Ein Aktivist wurde krass ins Gesicht geschlagen, einfach, weil er ein falsches Plakat geklebt hat."
Manfred Götzke, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Ein Kulturwissenschaftler, der anonym bleiben will, beschreibt, wie er am Rande einer solchen Demo körperlich angegangen wurde. Teilnehmer des Jugendwiderstands seien auf ihn und seine Freunde log gegangen, hätten sie angeschrien: "Verpisst euch aus Neukölln!"

Ein anderes Opfer beschreibt eine ähnliche Form von Gewaltandrohungen durch Mitglieder des Jugendwiderstands. Passiert ist ihm das in einem Neuköllner Biergarten im September 2018, in der eine anti-israelische Veranstaltung stattfand, an der der Jugendwiderstand beteiligt war - parallel dazu lief eine Gegendemo.

"Sobald wir an dem Biergarten waren, kamen 30 bis 40 Männer auf uns zu, fingen an, uns zu bedrohen und zu beleidigen, umkreisten einzelne Personen aus meiner Gruppe. Eine Frau wurde als 'Zionistenfotze' bezeichnet."
Opfer von Gewaltandrohung durch Mitglieder des Jugendwiderstands

Sowohl Polizei als auch die Politik haben den Jugendwiderstand inzwischen auf dem Schirm. Lange Zeit fiel es schwer, die Gruppe einzuordnen. Mittlerweile ermittelt der Staatsschutz, sagt Manfred Götzke. Außerdem stufe der Berliner Verfassungsschutz den Jugendwiderstand als gewaltbereit ein. Das habe aber zu lange gedauert, sagt die grüne Abgeordnete June Tomiak, die die Gruppe seit langem beobachtet.

"Der Jugendwiderstand war lange nicht auf dem Plan, weil sie so atypisch sind, weil sie alle pumpen gehen und sich tatsächlich eher wie Nazi-Kameradschaften aufführen und dadurch einfach schwer einzuordnen waren für die Behörden.“
June Tomiak, Abgeordnete für die Grünen in Berlin

Dass sich der Jugendwiderstand an Mao und Stalin orientiert, könnte auch mit Schwerpunkt darauf gedeutet werden, so Manfred Götzke, dass beide brutale, menschenverachtende Diktatoren waren. 

Ein Mitarbeiter des jüdischen Forums hat ihm im Gespräch gesagt, dass sie diese Orientierung an Mao und Stalin zwar zur Kenntnis nehmen, im Wesentlichen aber sehen, dass der Jugendwiderstand eine klar antisemitische Agenda hat und Leute gezielt angreift, die als Juden identifizierbar sind. Es habe auch schon Angriffe auf Menschen gegeben, die einen Davidstern trugen.

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