Auf den Gleisen zur Gedenkstätte Auschwitz turnen Besucher herum und machen Selfies. Die Autorin und Bloggerin Juna Grossmann beobachtet dieses Verhalten auch in anderen NS-Gedenkstätten und hat dafür überhaupt kein Verständnis.

In Auschwitz wurden zwischen 1940 und 1945 bis zu 1,5 Millionen Menschen ermordet worden. Vor allem Juden, Sinti und Roma, Kriegsgefangene und viele mehr. Inzwischen ist Auschwitz eine NS-Gedenkstätte, die jedes Jahr von etwa zwei Millionen Menschen besucht wird.

Weil zu viele dieser Besucher etwa auf den Bahngleisen, über die die Opfer ins Lager geschafft wurden, balancieren und vermeintlich lustige Fotos für Instagram machen, bittet das Auschwitz-Museum um Respekt: Es gebe bessere Orte zum Balancieren als ein Ort, der ein Symbol für die Deportation so vieler Menschen ist.

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Juna Grossmann bloggt auf irgendwiejüdisch.de und hat das Buch "Schonzeit vorbei: Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus" geschrieben. Sie selbst arbeitet seit Jahren in verschiedenen NS-Gedenkstätten. Und sie kennt das unangemessene Verhalten einiger Besucher, nicht nur von der NS-Gedenkstätte Auschwitz, auch von anderen Orten: "Ich sehe das immer wieder. Ich versuche es zu verstehen, warum das passiert. Aber ich finde das sehr, sehr fragwürdig."

Ihr Eindruck ist: Das Problem, dass sich Menschen respektlos verhalten oder einfach vermeintlich originelle Fotos für Instagram knipsen wollen, kommt immer häufiger vor. Das kann eine Art Übersprungshandlung sein, sagt Juna Grossmann. "Es kann aber auch tatsächlich sein, dass jemand überhaupt keine Verbindung zu diesem Ort hat oder zu dem was dort geschieht."

"Man muss nicht nach Auschwitz fahren, um auf Gleisen zu balancieren. Das kann man auch woanders machen."
Juna Grossmann, Bloggerin und Buchautorin

Sie rät dazu, dass die Gedenkstätten-Turner sich die Frage stellen: Wie würde ich es finden, wenn fremde Leute auf dem Grab meiner Großeltern Picknick machen oder eine Party feiern? "Denn wir dürfen nicht vergessen: Für viele Menschen sind diese Orte auch die einzigen Orte, die sie noch verbinden", sagt Juna Grossmann. "Es gibt keine Gräber, zu denen man hingehen kann."

Spaß an NS-Gedenkstätten als Statement

Es gibt aber auch Menschen, die das "Herumturnen" an Gedenkstätten wie dem Mahnmal für die ermordeten Juden in Berlin, verteidigen. Und zwar dann, wenn es in einem bestimmten Kontext steht. So erklärt zum Beispiel Eliyah Havemann auf Twitter: "Ich bin drauf rumgeturnt. Und wenn mich jemand verscheucht hätte, hätte ich ihm erklärt, dass die für meinen Großvater gebaut wurden und ich daher das absolute Recht habe, darauf zu turnen."

Juna Grossmann versteht diese Haltung, dieses "Ich darf das! Es gibt mich trotz alledem noch! Ihr habt uns nicht ermorden können!" Sie gibt aber zu bedenken, dass es auch da unterschiedliche Haltungen bei den Angehörigen gibt. Darum, sagt sie, sollten auch die Nachfahren der Ermordeten ein Auge dafür haben, dass andere Menschen die ganze Situation vielleicht auch anders sehen.

Korrektur: In einer früheren Variante dieses Beitrags haben wir den Eindruck vermittelt, Eliyah Havemann wäre nach Berlin gereist, um auf dem Berliner Mahnmal ein Statement zu setzen. Das stimmt so nicht, vielen Dank für den Hinweis! Text und Audio wurden korrigiert.

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