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Ob Vulkanausbruch auf La Palma oder Flut im Ahrtal: Große Katastrophen locken oft auch Tourist*innen an. Doch das muss nicht unbedingt schlecht sein – sondern kann auch manchmal zur Unterstützung werden.

Seit Wochen sorgt der Vulkanausbruch auf der Insel La Palma für Zerstörung: Menschen haben ihr Zuhause verloren, die Luft ist verpestet, ganze Dörfer zunichte – und am Wochenende sind viele Spanierinnen und Spanier hingefahren um das Naturspektakel mit eigenen Augen zu sehen.

Das Außergewöhnliche zieht uns an

Was erst einmal nach wenig Mitgefühl klingt, hält Tourismus-Forscher Pascal Mandelartz für weitaus weniger verwerflich. Im Gegenteil, er sagt: Der Reflex etwas Außergewöhnliches sehen zu wollen, gehört zum Tourismus dazu und ist tief in den Menschen verankert.

"Ob nun die gesunkene Costa Concordia, 9/11 oder die Hurrican-Gebiete in New Orleans nach Katrina: Ich glaube das ist tief in uns Menschen drin und dementsprechend wäre falsch, die Leute pauschal zu verurteilen."
Pascal Mandelartz, Tourismus-Forscher an der Internationalen Universität

Denn genau deshalb gebe es Tourismus überhaupt: Um etwas zu erleben, das sich im Alltag so nicht erleben lässt. Katastrophen sind natürlich eine extreme Abweichung von der Norm – und machen deshalb auch neugierig.

Motivationen gibt es aber durchaus unterschiedliche. Einige Menschen wollen vielleicht auch bei einem historisch bedeutsamen Moment dabei gewesen sein, sagt unsere Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Verena von Keitz.

Besucher*innen besser koordinieren

Anstatt die Neugierde vieler Menschen zu verurteilen, fordert Tourismus-Forscher Pascal Mandelartz viel eher, die Besucher*innenströme in Katastrophengebieten besser zu regulieren und zu koordinieren. So könnten sie dann sogar auch zur Unterstützung werden, wie etwa bei der Flutkatastrophe im Ahrtal.

"Die Leute sind in so einer Region trotzdem auf Einkommen angewiesen. Gerade in Katastrophenzeiten, wo das Geld noch knapper ist, ist das ein gern gesehenes Einkommen."
Pascal Mandelartz, Tourismus-Forscher an der Internationalen Universität

Auch La Palma versucht, die Neugierde zu nutzen: Dort werden die Tourist*innen mit Bussen zum Naturspektakel gefahren. Die Übernachtungsmöglichkeiten sind auf der Insel zu 80 Prozent ausgebucht. Das ist für die Anwohnenden natürlich gut, denn so kommt etwas Geld in die Kasse.

Frage des Timings

Allerdings bleibt der Tourismus auch eine Frage des Timings. Unmittelbar nach einer Katastrophe – wie etwa im Ahrtal geschehen – anzureisen, nur um zu gucken, stört Nothilfe und Aufräumarbeiten und bringt die Tourist*innen eventuell selbst in Gefahr, sagt unsere Reporterin.

"Ich finde es mittlerweile ganz wichtig, dass die Leute hierhin kommen und sich das mal anschauen. Nur so die Katastrophe auch nach draußen transportiert."
Christine, Betroffene aus Ahrweiler

Doch die Solidaritätswanderungen, die derzeit im Ahrtal stattfinden, begrüßen viele Einheimische sehr: So können etwa die Winzer und Winzerinnen doch noch einiges verkaufen.

Außerdem wird beim echten Anblick vielen das Ausmaß der Katastrophe erst bewusst, sagt Christine, die selbst im Ahrtal lebt. Sie findet inzwischen: Wer die Katastrophe sieht, kann sich erst vorstellen was das überhaupt bedeutet.