Jedes Jahr gibt es 12.000 Ermittlungsverfahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich noch höher. Eine unabhängige Kommission könnte das ändern. Heute hat sie ihren ersten Zwischenbericht vorgestellt.

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat in einem Bericht darauf hingewiesen:

Sexueller Missbrauch von Kindern findet in 70 Prozent aller Fälle innerhalb der Familie oder im nahen Umfeld der Familie statt. Über die Hälfte aller Betroffenen hat angegeben, dass der Täter entweder der Vater selbst war oder eine Person, die die Vaterrolle übernommen hat.

Hinzu kommt: Viele der Betroffenen haben als Kinder erst spät Hilfe bekommen. Häufig wussten sogar andere Familienmitglieder von dem Missbrauch, haben aber nichts dagegen unternommen.

Abhängigkeit vom Partner verhindert Hilfe

Darum hat sich die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs auch die Rolle der Mütter angeschaut. Sie ist zu dem Ergebnis gekommen, dass sie häufig Mitwisserinnen und damit Mittäterinnen sind. Weil sie ihre Kinder nicht vor sexuellen Übergriffen schützen. Zwei Gründe dafür:

  • Abhängigkeit vom Partner
  • Angst, den Partner zu verlieren

Eine weitere Feststellung der Kommission: Häufig haben Kinder, die in ihrer Familie missbraucht worden sind, danach noch sexuellen Missbrauch erfahren. Und das häufig in Institutionen, die sie genau davor schützen sollten. 

200 vertrauliche Gespräche

Als die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs im Januar 2016 ihre Arbeit aufgenommen hat, hat sie Menschen, die sexuellen Missbrauch erfahren haben, gebeten sich zu melden und davon zu erzählen. 1000 Menschen haben sich bislang gemeldet. Rund 200 vertrauliche Gespräche haben die Kommissionsmitglieder geführt. Hinzu kommen schriftliche Statements von Betroffenen.

Alle Informationen aus dem veröffentlichten Zwischenbericht stammen aus diesen Quellen. Die Arbeit der Kommission trägt dazu bei, dass das Thema Kindesmissbrauch in der Öffentlichkeit gegenwärtiger ist. Gerade für die Betroffenen sei das wichtig, sagt unser Reporter Stefan Maas, der heute bei der Vorstellung des Zwischenberichts dabei war.

"Wenn man merkt, es gibt auch andere Betroffene und das institutionelle Umfeld reagiert darauf, dann trauen sich Betroffene eher darüber zu reden", sagt Stefan Maas. 

"Früher hat man den Betroffenen nicht geglaubt, hat sogar versucht, sie zum Schweigen zu bringen. Und jetzt merken sie, dass es Menschen gibt, die sich dafür interessieren und die ihnen vielleicht sogar helfen können."
Stefan Maas, Deutschlandfunk Nova

Die Arbeit der Kommission soll noch bis 2019 weitergehen. Ziel sind politische Maßnahmen, um sexuellen Kindesmissbrauch in Zukunft zu verhindern. Denn dafür wird es dringend Zeit. Die Kommission hat festgestellt: In den vergangenen vier Jahren ist die Zahl der Kindesmissbrauchsfälle nicht zurückgegangen. Zurzeit gibt es 12.000 Ermittlungsfälle pro Jahr wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern.