Bereits vor Wochen haben Sozialarbeiter und Psychologen gewarnt: Durch die Corona-Krise könnte die Zahl von Fällen häuslicher Gewalt gegenüber Kindern und Frauen stark ansteigen. Laut Kinderschutzbund sind die Meldungen zur Kindeswohlgefährdung jedoch deutlich zurückgegangen. Allerdings sind die Zahlen trügerisch.

Nach Angaben vieler Jugendämter sind die Meldungen zur Kindeswohlgefährdung in den letzten Wochen drastisch zurückgegangen, so Heinz Hilgers, Präsident des Kinderschutzbundes. Solche Meldungen werden zum Beispiel von Lehrern gemacht, wenn sie den Verdacht haben, dass ein Kind zuhause geschlagen wird. In solchen Fällen muss das Jugendamt unmittelbar prüfen.

"Meldungen zur Kindeswohlgefährdung werden zum Beispiel von Lehrern gemacht, wenn sie den Verdacht haben, dass ein Kind zuhause geschlagen wird. Seit der Corona-Krise sind solche Meldungen viel seltener geworden."
Rahel Klein, Deutschlandfunk Nova

Ein Jugendamt habe Hilgers berichtet, sogar nur eine Meldung in drei Wochen erhalten zu haben, statt wie sonst drei bis fünf Meldungen pro Tag.

Schulschließungen ein Grund für weniger Meldungen

Doch weniger Meldungen müssen nicht weniger Fälle bedeuten. Der Hauptgrund für die niedrigeren Fremdmeldungen, so Hilgers, liege darin, dass Schulen, Kitas oder Arztpraxen einen nur eingeschränkten Betrieb haben, oder gar keinen mehr. Wenn Kinder Opfer häuslicher Gewalt werden, könne es sein, dass einfach niemand davon etwas mitbekommt.

"Der Hauptgrund, dass es viel weniger Fremdmeldungen gibt, dürfte laut Hilgers daran liegen, dass Schulen, Kitas, Arztpraxen einen eingeschränkten Betrieb haben, oder gar keinen mehr."
Rahel Klein, Deutschlandfunk Nova

Doch es gibt auch Gründe, die für ein sinkendes Gewaltpotenzial in den Elternhäusern sprechen. Die Gesellschaft habe sich entschleunigt, der alltägliche Stress sei nicht mehr so groß und zudem brächten Kinder keine schlechten Noten mehr nach Hause, so Hilgers. Darum sei eine Beruhigung der Situation in manchen Familien durchaus denkbar.

Vonseiten der Jugendämter gibt es derzeit jedoch keine aktuellen Statistiken. Hilgers plädiert daher für eine bundesweite Abfrage bei allen Jugendämtern, um einen besseren Überblick über die tatsächliche Lage zu bekommen. Die Dunkelziffer kann dadurch natürlich nicht erfasst werden.

Steigende Nachfrage bei Beratungsangeboten

Klaus Völlmecke, stellvertretender Leiter des Kölner Jugendamtes, hält es für möglich, dass es in Familien, die bisher nicht auffällig waren, Gewalt geben könnte, von der niemand mitbekomme. Bei den bekannten Familien sei zumindest die Notbetreuung ausgeweitet worden und die bestehende Betreuung werde fortgeführt.

Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums sind die Nachfragen bei den Beratungsangeboten in den letzten Wochen deutlich gestiegen. Bei der Chat-Beratung für Kinder und Jugendliche gibt es einen Anstieg um 26 Prozent, beim Elterntelefon um 21 Prozent. Deswegen hat das Ministerium seine Online- und Telefonberatungsangebote jetzt auch noch mal ausgeweitet. Beispielsweise ist die "Nummer gegen Kummer" länger erreichbar.

Laut Sprecher des Bundesfamilienministeriums hat es in städtischen Gebieten einen Anstieg der Inobhutnahmen gegeben – also die vorläufige Aufnahme und Unterbringung eines Kindes oder Jugendlichen in einer Notsituation durch das Jugendamt. Allerdings sei das bisher kein flächendeckendens Phänomen.

Externer Inhalt

Hier geht es zu einem externen Inhalt eines Anbieters wie Twitter, Facebook, Instagram o.ä. Wenn Ihr diesen Inhalt ladet, werden personenbezogene Daten an diese Plattform und eventuell weitere Dritte übertragen. Mehr Informationen findet Ihr in unseren  Datenschutzbestimmungen.

Bei Fällen häuslicher Gewalt sind neben Kindern häufig auch Frauen die Opfer. Im chinesischen Wuhan hat es lange Zeit Corona-Beschränkungen gegeben. Laut Berichten ortsansässiger Frauenorganisationen wurden während der Ausgangssperre dreimal so viele Fälle von häuslicher Gewalt gegen Frauen registriert, berichtet die taz. Zudem habe es doppelt so viele Notrufe von Frauen bei der Polizei gegeben.

Auch hierzulande befürchten Hilfsorganisationen, dass die Fälle häuslicher Gewalt gegenüber Frauen ansteigen könnten. Deswegen hat Familienministerin Franziska Giffey angekündigt, Hilfsangebote wie die Hotline "Gewalt gegen Frauen" weiter auszubauen.