Unser Leben spielt sich derzeit hauptsächlich zu Hause ab. In manchen Familien ist das ein Problem, weil die fehlende soziale Kontrolle und die Enge zu mehr häuslicher Gewalt führen kann. Zahlen aus China belegen die Befürchtungen.

Noch gibt es keine Statistiken darüber, ob es tatsächlich zu mehr häuslicher Gewalt kommt, seit die Bevölkerung dazu aufgerufen ist, zu Hause zu bleiben und soziale Kontakte zu meiden. Der Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention des Bundes und der Länder, Harald Schmidt, vergleicht die momentane Situation mit Weihnachten. Dann würden die Familien auch mehr Zeit miteinander verbringen, was zu mehr häuslicher Gewalt führen kann.

Berichte aus China weisen darauf hin, dass es zu mehr häuslicher Gewalt durch den Wegfall des öffentlichen Lebens kommen kann. Dort sei die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt stark angestiegen.

Keine soziale Kontrolle begünstigt häusliche Gewalt

Der Druck in den Familien ist groß: Keine Schule, keine Kinderbetreuung, eventuell keine oder Kurzarbeit, Einkommensverluste, Existenzsorgen. Wenn dann die Kinder anfangen zu quengeln oder man kein Ventil für die Ängste findet, kann das in Gewalt umschlagen. Vor allem, wenn es früher schon zu häuslicher Gewalt gekommen ist.

Christine Heinrichs vom Frankfurter Verein für soziale Heimstädten, der für mehrere Frauenhäuser in Frankfurt am Main zuständig ist, sagt, dass häusliche Gewalt in Nicht-Corona-Zeiten im sozialen Umfeld auffalle, sobald zum Beispiel das Kind sich in der Kita anders verhalte.

Beratungsstellen helfen

Betroffene Frauen und Kinder können sich Hilfe bei Beratungsstellen holen. Auf der Seite Gewalt ist nie okay werden mehrere Notrufnummern für Kinder und Jugendliche aufgelistet. Der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe informieren auf ihren Seiten ebenfalls über Hotlines und Beratungsstellen.

Betroffene müssen eine Gelegenheit finden, um diese Seiten aufzurufen, zu mailen oder zu telefonieren. Eine Möglichkeit wäre, unter einem Vorwand spazieren zu gehen oder einzukaufen. In Spanien, wo sehr strenge Ausgangssperren herrschen, können die Frauen unter einem Vorwand eine Apotheke aufsuchen. Das Codewort lautet "Mascarilla diecinueve" – auf Deutsch: Mundschutz neunzehn. Die Apotheke ruft dann den Notruf.

Platz in den Frauenhäusern begrenzt

Für die Frauenhäuser wird das eine Herausforderung, sollten mehr Frauen um Aufnahme bitten. Denn die Kapazitäten sind begrenzt und unter den derzeitigen Bedingungen ist es auch nicht vertretbar, mehr Menschen auf engem Raum zusammenzubringen.

Außerdem, so Sylvia Haller von der Zentralen Informationsstelle der autonomen Frauenhäuser, wäre es in den meisten Einrichtungen sowieso schon eng.

"Das heißt, teilweise teilen sich Frauen und Kinder mit anderen Frauen ein Bad, eine Küche, das ist montan kontraproduktiv. Da müssen wir gucken, ob wir entzerren können."

Deshalb unterstützt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, dass leerstehende Hotels oder Ferienwohnungen vorübergehend für die Unterbringung von hilfesuchenden Frauen genutzt werden. In Kassel und Berlin werde das schon gemacht, in Frankfurt würden noch Gespräche geführt.

Der Verband der Autonomen Frauenhäuser betont, dass das nur vorübergehende Notlösungen für Frauen und Kinder sind, die wegen einer Coronavirus-Infektion in Quarantäne leben müssen. Denn die Opfer müssten auch vor Ort betreut werden, und dafür sei unter Umständen nicht genug Personal da.

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Für Männer, die Opfer häuslicher Gewalt werden, gibt es Männerschutzwohnungen in Dresden, München und Stuttgart. Informationen über Beratungsstellen bietet das Männerberatungsnetz. Allerdings gibt es für Männer noch kein spezielles Angebot, da Gewalt gegen Männer immer häufig immer noch ein Tabu ist.

Aufmerksamkeit und einmischen

Gerade weil die soziale Kontrolle derzeit nicht stattfinden kann, ist es wichtig, dass Verwandte, Freunde und Nachbarn aufmerksam werden, wenn auffällige Geräusche aus der Nachbarwohnung laut werden. Wer den Eindruck hat, es kommt zu häuslicher Gewalt, soll nicht zögern, die Polizei zu rufen.

"Es ist jetzt auch wichtig, dass die Nachbarinnen, die Verwandten, die Freunde gut hinhören, was in der Nachbarswohnung passiert. Und da vorsorglich auch mal die Polizei rufen, wenn sie davon ausgehen, dass Gewalt ausgeübt wird."
Sylvia Haller, Zentrale Informationsstelle der autonomen Frauenhäuser