Der Einzelhandel ist geschlossen, und weil wir eh kaum raus gehen, haben wir auch keinen Bock auf neue Klamotten. Was passiert mit den ganzen Textilien, die jetzt unverkauft in den Lagern hängen? Selbst verschenken lohnt sich nicht.

Wie für viele andere Branchen ist das Corona-Jahr 2020 auch für die Textilbranche ein Fiasko. Seit Mitte Dezember sind die Läden wieder geschlossen, doch schon vorher waren deutlich weniger Kunden in den Geschäften. Auch das Online-Shopping scheint vielen keinen Spaß zu machen. Auch hier sank der Umsatz.

6 Milliarden Minus für Textilhandel

Axel Augustin vom Handelsverband Textil schätzt, dass den Unternehmen durch den Lockdown insgesamt sechs Milliarden Euro verloren gehen. Vor allem Businesskleidung bleibe liegen, sagt er. Kein Wunder, wer zieht sich im Homeoffice schon schick an?

"Alles das, was Richtung Anlass- oder Businessbekleidung angeboten wird, läuft sehr schlecht. Also Brautmode, Businessanzüge, Hemden - und das sind ja relativ oft auch die großen Bons."
Axel Augustin, Handelsverband Textil

Das Business-Segment ist eigentlich der Bereich, in dem die Händler sonst am meisten verdienen, so Axel Augustin. Allein bis Anfang Januar werden im deutschen Einzelhandel rund 300 Millionen Kleidungsstücke übrig bleiben, schätzt der Experte. Zeitlose Kleidungsstücke könnten zwar eingelagert und im nächsten Jahr angeboten werden, "eine hochmodische Damenbluse bekomme ich im kommenden Jahr aber nicht mehr verkauft."

Sale und Rabatt-Aktionen um Lager leer zu bekommen

Weil die Lager jetzt schon mit Frühjahrsware voll sind, fällt das Einlagern teils schwer, weshalb derzeit überall mit großen Sale-Schildern und Rabattaktionen versucht wird, die Ware noch irgendwie an die Leute zu bringen.

"Damit wird zum Teil versucht, das Minus möglichst klein zu halten. Aber das wird nicht komplett funktionieren, da bin ich mir relativ sicher."
Axel Augustin, Handelsverband Textil

Viele Händler suchen nach anderen Wegen, ihre Textilien los zu werden. Zum Teil verkaufen sie sie an sogenannte Restpostenhändler. Das sind spezielle Zwischenhändler, die überschüssige Ware aufkaufen und zu oft sehr niedrigen Preisen im Ausland weiterverkaufen. Weil es diese Marken dort nicht gibt, machen sie sich durch die günstigen Restposten nicht das eigene Geschäft kaputt, erklärt Thomas Ahlmann, Branchenexperte und Geschäftsführer beim Altkleider-Dachverband Fairwertung.

Ungetragene Klamotten zu spenden, lohnt sich oft nicht

Schwer wird es für Unternehmen, die versuchen, ihre Kleidung zu spenden oder zu verschenken. Eine Adresse ist die gemeinnützige Firma Innatura, die dem Handel die Spenden abnimmt und diese an gemeinnützige Organisationen weiterreicht. Allerdings lohnt sich der Deal für die Unternehmen oft nicht. Einerseits, weil sie dadurch nichts verdienen, andererseits, weil auf die Ware trotzdem Umsatzsteuer abgeführt werden muss, so Innatura-Gründerin Juliane Kronen

"Es gibt viele Unternehmen, die fragen bei uns an und sagen dann am Ende, das ist uns zu teuer, wir werfen es doch weg."
Juliane Kronen, Innatura-Gründerin

Wie viel neue Kleidung in der Modebranche ungetragen entsorgt wird, ist nicht klar. Dazu gibt es keine zuverlässigen Zahlen. In der Branche ist es ein Tabuthema – und das war es auch schon vor der Coronakrise.

Axel Augustin vom Handelsverband Textil geht davon aus, dass die Krise im Handel noch für Monate anhalten wird. Die Branche ordere im Moment auffällig vorsichtig, sagt er. Es herrsche jedoch die Hoffnung, dass die Geschäfte Richtung Herbst wieder besser laufen, "wenn fast alle geimpft sind."