Die Eisschollen schmilzen, die Natur verändert sich, das Ökosystem gerät unter Druck: Rund viermal schneller als der Rest der Welt erwärmt sich die Arktis. Das ist eine deutlich höhere Rate als bisher in Klimamodellen berechnet.

Keine Eisschollen weit und breit, nur ein paar Eisbrocken, die im Meer treiben, der Eisbär sitzt neben Möwen auf steinigen Felsbrocken und hat ein Rentier erbeutet, statt auf dem Packeis Robben zu jagen. Auch das ist eine Konsequenz der Erderwärmung. Und die in der Arktis schreitet viel schneller voran, als das von Forschenden bisher in Modellen prognostiziert wurde.

Klimaexpert*innen fragen sich nun, ob die Daten und Berechnungen zu ungenau waren oder ob ein wenig wahrscheinliches Worst-Case-Scenario eingetreten ist. Das Tempo, in dem sich die Arktis erwärmt, ist nicht zwei- oder dreimal höher als im globalen Durchschnitt, sondern viermal.

Genauer ist das eine Rate von 0,75 Grad pro Jahrzehnt – im Vergleich zu 0,19 Grad durchschnittlich für den Rest der Welt.

"Dass die Arktis sich schneller erwärmt, war bekannt, aber bisher waren die Forschenden davon ausgegangen, dass es vielleicht doppelt oder eventuell dreimal so schnell sei."
Meike Rosenplänter, Deutschlandfunk Nova

Dass diese aktuellen Berechnungen zu einem anderen Ergbnis kommen als bisherige Studien, führen die Forschenden darauf zurück, dass ihre Kolleg*innen mit veralteten Zahlen gearbeitet hätten, was sie auch kritisieren.

Aktuellere Daten führen zu einem neuen Ergebnis

Die neue Prognose basiert auf Daten aus den Jahren 1979 bis 2021. Für diesen Zeitraum hatten sich die Forschenden entscheiden, weil es dazu die meisten Daten gibt.

Vier verschiedene Datensätze wurden für die Berechnungen verwendet: dreimal von Temperaturaufzeichnungen und einmal die Daten einer Simulation vom Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen, die das Wettergeschehen in der Vergangenheit wiedergibt. Die Temperaturaufzeichnungen stammen unter anderem von der Nasa.

Diesen umfassenden Datensatz haben die Forschenden dann mit vier Klimamodellen verglichen, die aus historischen Simulationen bestehen und aus Vorhersagen für die Zukunft. Dieser Vergleich führte zu dem Resultat, dass die Erwärmung viel schneller voranschreitet, als erwartet.

Schnellere Erwärmung, je mehr Packeis verschwindet

Es gibt verschiedene Theorien, wie es dazu kommt, dass sich die Arktis deutlich schneller erwärmt als der globale Durchschnitt. Grundsätzlich einig sind sich Forschenden darüber, dass sich die Arktis schneller erwärmt, je mehr Meereis verschwindet.

"Die Forschenden sagen in ihrer Studie auch, dass diese vierfache Erwärmung der Arktis ein extrem unwahrscheinliches Ereignis ist, ein Worst-Case-Scenario, oder alle bisherigen Klimamodelle wohl dazu neigen, die Verstärkung zu unterschätzen."
Meike Rosenplänter, Deutschlandfunk Nova

Ein Ort, der sich noch extremer erwärmt hat

Es gibt einen Ort in der Arktis, der sich besonders stark erwärmt hat, nämlich lokal bis zu siebenmal schneller als der globale Durchschnitt. In Zahlen sind das 1,25 Grad pro Jahrzehnt.

Dieses Gebiet liegt im eurasischen Sektor des Arktischen Ozeans, in der Nähe der russischen Insel Nowaja Zemlja. Diese Insel liegt zwischen der Karasee und der Barentsee. Laut den Forschenden war der Rückgang des Meereisgebiets in der Barentsee am stärksten ausgeprägt.