Am Weltflüchtlingstag hat das UN-Flüchtlingshilfswerk 68,5 Millionen Menschen gezählt, die auf der Flucht sind vor Krieg und Wetterkatastrophen. Die Zahl der Klimaflüchtlinge wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen.

Es ist schwer zu sagen, wie viele Menschen wegen klimatischer Bedingungen auf der Flucht sind, sagt Deutschlandfunk-Nova-Umweltexperte Georg Ehring. Laut einer Studie, die die Hilfsorganisation Oxfam in Auftrag gegeben hat, sind zwischen 2008 und 2016 in den ärmeren Ländern im Durchschnitt pro Jahr rund 14 Millionen Menschen vor Unwettern, Stürmen und Überschwemmungen geflohen. 

Jahrelange Dürreperioden führen zu sozialen Konflikten

Deutschlandfunk-Nova-Umweltexperte Georg Ehring betrachtet die Zahl aber kritisch. Unwetter gibt es auch ohne den Klimawandel, gibt er zu bedenken. Was sich durch den Klimawandel ändere, sei die Schwere und die Häufigkeit. Außerdem gebe es Flüchtlinge aus Gegenden, in denen über Jahre Trockenheit herrsche, die in dieser Studie nicht einbezogen werden.

Bevor der Krieg in Syrien begann und die Menschen geflüchtet sind, herrschte dort und in einigen Nachbarländern von 2006 bis 2010 eine schwere Dürreperiode, erklärt Georg Ehring.

"Die Kornkammer im Nordosten Syriens verdorrte. Ganz viele Bauern gaben auf, zogen in die Slums in den Städten, dort stiegen die Lebenshaltungskosten stark, was zu den sozialen Unruhen beigetragen hat."
Georg Ehring, Deutschlandfunk-Nova-Umweltexperte

Die lange Dürreperiode zwang Bauern, ihr Land aufzugeben und in die Slums der Städte zu ziehen. Infolge der Dürre zogen die Lebensmittelpreise an, was zu den sozialen Unruhen in dem Land beitrug, die wiederum mit ausschlaggebend waren für den Syrienkonflikt, beschreibt Georg Ehring die Situation vor Ausbruch des Syrienkriegs im Jahr 2011.

"Der Syrienkonflikt ist ein ganz typisches Beispiel dafür, wo der Klimawandel eine Rolle spielt."
Georg Ehring, Deutschlandfunk-Nova-Umweltexperte

Die Gegenden, die vom Anstieg der Meeresspiegel betroffen sind, seien nicht so viele – dabei handele es sich vor allem um die Inseln im Pazifik, sagt Georg Ehring. Neuseeland hat bereits Visa ausgestellt für Menschen, die sich in Sicherheit bringen müssen.

Auch wenn es schwer ist, genau zu sagen, wie viele Menschen aufgrund von Klimaursachen fliehen, ist klar: Die Zahlen werden in Zukunft steigen.

Zahl der Klimaflüchtlinge wird mit zunehmender Erderwärmung überproportional steigen

"Der Klimawandel ist ja gerade erst am Anfang und es zeigt sich, dass er ziemlich schlimme Folgen hat", sagt der Umweltexperte. Das hängt davon ab, wie weit sich die Erde erwärmt. Derzeit sei es ein Grad, aber wenn es zwei oder mehr werden, sagt Georg Ehring, würden die Folgen überproportional steigen: Städte würden überschwemmt werden und dann würden die Fluchtbewegungen noch viel größere Ausmaße annehmen.

"Reiche Staaten schotten sich ab. Klimaflüchtlinge werden gern als Wirtschaftsflüchtlinge diskreditiert. Dabei fliehen sie vor der Unmöglichkeit, in ihrem Heimatland menschenwürdig leben zu können."
Georg Ehring, Deutschlandfunk-Nova-Umweltexperte

Die reichen Industrieländer schotten sich vor den Flüchtlingsbewegungen ab - eine Reaktion, die Georg Ehring nicht für angemessen hält. Ihr schlechtes Gewissen würden sie mit humanitäre Hilfsleistungen und  Hilfen zur Anpassung an den Klimawandel beruhigen: Die Staatengemeinschaft hat beschlossen, ab 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar den Entwicklungsländern für den Kampf gegen den Klimawandel zur Verfügung zu stellen. 

"Die Prognosen sind so, dass alles übertroffen wird."
Georg Ehring, Deutschlandfunk-Nova-Umweltexperte

Die Hälfte von diesen Hilfszahlungen ist für Anpassungen an das veränderte Klima wie Deichbau oder künstliche Bewässerung mit dem Ziel, dass die Menschen in ihrer Heimat bleiben können.

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