Die Stadt Lwiw ist für viele Menschen in der Ukraine momentan eine Etappe auf ihrer Flucht. Journalistin Rebecca Barth ist auch in Lwiw, um aus der Ukraine zu berichten und mit den Menschen vor Ort zu sprechen. Damit begibt sie sich auch in Gefahr. Trotzdem macht sie weiter.

Beinah täglich heulen die Sirenen in Lwiw. Der Luftalarm soll die Menschen in der westukrainischen Stadt vor Beschüssen oder Explosionen durch russische Einheiten warnen. Die Durchsage, die den lauten Alarm begleitet, soll den Menschen deutlich machen: Es ist Zeit, einen Schutzraum aufzusuchen.

"Man kann gar nicht sagen, dass man sich sicher fühlt, obwohl diese Stadt aktuell nicht beschossen wird."
Rebecca Barth, freie Journalistin

Als Rebecca Barth vor ein paar Tagen in Lwiw ankam, gab es einen solchen Sirenenalarm. Es war abends und dunkel draußen. Die Straßen fast menschenleer, der Großteil der Läden geschlossen. In Lwiw gilt ab 22 Uhr eine Sperrstunde, erklärt sie. "Wenn dann so ein Alarm losgeht, ist das total gruselig. Vor allem, weil ich mitten auf der Straße stand und dachte: Wo soll ich denn jetzt hin?"

Und dann war Krieg

Rebecca Barth ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Seit Ende Januar ist sie für ihre Arbeit in der Ukraine, hat dort anfangs aus Kiew berichtet und später aus der Ostukraine. Dort war sie auch am vergangenen Donnerstag, als der Krieg begonnen hat. Seitdem geht es auch für die Journalistin darum, sich in Sicherheit zu bringen.

In Etappen hat sie es Richtung Westukraine nach Lwiw geschafft, das ungefähr 80 Kilometer von der Grenze zu Polen entfernt liegt. Dort ist sie in einem Hotel untergekommen. Im Hotel fühlt sie sich sicher, sagt sie. Wenn der Luftalarm wieder ertönt, kann sie dort in einen Schutzraum.

Rebecca Barth nimmt sich mittlerweile als gefasster, ruhiger wahr, wenn die Sirenen losheulen. Am Anfang des Krieges, vor knapp einer Woche, hat es ihr Angst gemacht. Aber "nach einigen Tagen gewöhnt man sich tatsächlich daran. Was ich auch wiederum merkwürdig finde, dass ich so etwas sage. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, frage ich mich: Bin irgendwie abgestumpft? Ist das ein trügerisches Gefühl von Sicherheit?"

Hilfsbereitschaft und Alarmbereitschaft

Wenn sie mit den Menschen in Lwiw spricht, erlebe sie, wie viele von ihnen verunsichert und angespannt sind. Gleichzeitig nimmt sie eine enorme Hilfsbereitschaft wahr. Die Menschen dort würden versuchen, trotz der ständigen Alarmbereitschaft, anderen Menschen in ihrer Stadt zu helfen – auf ihre eigene Art.

Einige der Anwohner*innen hätten sich zu einer Art Bürgerwehr zusammen getan. Die Freiwilligen möchten die ukrainische Armee und Polizei dabei unterstützen, ihre Stadt zu verteidigen. Rebecca Barth erzählt von einem Herrn, der in einer alten deutschen Militäruniform, bewaffnet mit einer Schrotflinte durch die Straßen läuft und nach russischen Saboteuren Ausschau hält.

"Es ist eine ganz merkwürdige Stimmung von Angespanntheit und Misstrauen, die sich hier bildet."
Rebecca Barth, freie Journalistin

Auch immer mehr Flüchtende aus der Ost- und Zentralukraine erreichen die Stadt in der Nähe der polnischen Grenze. Rebecca Barth berichtet von vielen, die alles verloren haben, weil sie alles zurücklassen mussten – auch von der Trennung von Familien an der Grenze, wenn Väter und Brüder im wehrfähigen Alter sind.

Am Bahnhof hat die Journalistin beobachtet, wie sich Familien für eine unbekannte Zeit voneinander verabschieden, wie Mütter alleine mit ihren Kindern in den überfüllten Zug steigen, in der Hoffnung, sich in Sicherheit zu bringen. Ihre Freunde, Partner, Ehemänner zwischen 18 und 60 Jahren bleiben zurück, um möglicherweise bald für den Krieg einberufen zu werden oder sich freiwillig der ukrainischen Armee anzuschließen.

"Diese Züge werden vollgemacht mit Menschen. Teilweise werden Koffer rausgeschmissen, damit noch mehr Menschen dort reinpassen, um die Leute zu evakuieren, um sie in Sicherheit zu bringen."
Rebecca Barth, freie Journalistin

Vor dem Bahnhof stehen Zelte, in denen die Flüchtenden mit Getränken und Essen versorgt werden – oft helfen hier neben den Anwohner*innen auch Menschen, die selbst aus anderen Teilen der Ukraine nach Lwiw geflüchtet sind, erzählt Rebecca Barth.

In ungefähr einer Woche versucht Rebecca Barth, die Ukraine zu verlassen. Sie hofft, dass sie sich dann mit dem Zug auf den Weg nach Wien machen kann – wenn es die Sicherheitslage zulässt.

Seitdem sie in der Ukraine ist, berichtet sie fast pausenlos über die Lage im Land und schläft wenig. "Ich merke langsam, dass mich das sehr schlaucht", sagt sie. Spätestens zwei Wochen nachdem sie wieder zu Hause in Berlin angekommen ist, möchte sie aber wieder in die Ukraine zurück und weiter berichten.

  • Kurz und Heute
  • Moderatorin:  Sonja Meschkat
  • Gesprächspartnerin:  Rebecca Barth, freie Journalistin