Künstliche Intelligenz kann Unternehmen dabei helfen, geeignete Mitarbeiter zu finden. Unsere Reporterin hat die KI ziemlich beeindruckt. Trotzdem möchte sie nicht so nebenbei psychoanalysiert werden.

"Wenn Sie sich mit der Aufzeichnung einverstanden erklären, drücken Sie bitte die Taste Eins."
Die KI beginnt das Gespräch mit unserer Reporterin

Ein Bewerbungsgespräch ist so eine Sache: Möglichst gut möchten wir dabei rüber kommen, aufgeschlossen, freundlich und kompetent.

In Aachen hat ein Startup eine Software mit künstlicher Intelligenz entwickelt, die solche Gespräche für Unternehmen führen kann. Allerdings auf besondere Art. Fünfzehn Minuten braucht die KI dafür. Danach weiß sie angeblich fast so viel über uns, wie Psychologen es durch unterschiedliche Tests erst nach tagelanger Arbeit herausfinden würden.

Der Bewerbungsroboter stellt viele Fragen. Fragen wie:

  • "Wann erleben Sie Situationen als anstrengend oder stressig?"
  • "Wie liefen bei Ihnen Familienfeiern wie Geburtstage und Weihnachten ab?"
  • "Welche positiven Erlebnisse hatten Sie in letzter Zeit?"

Mit Fragen wie diesen hatte unsere Reporterin Damla Hekimoglu zwar gerechnet. "Nicht aber damit, dass ich mich dieser Roboterstimme so öffnen würde", sagt sie. 

Einem Personaler hätte Damla auf keinen Fall so viel über sich verraten. Den Roboter nimmt unsere Reporterin aber nicht wirklich ernst. Denn schließlich ist er ja "nur" eine Software. Dennoch bedankt er sich nach dem Gespräch.

"Vielen Dank für Ihre Teilnahme. Wir haben Ihre Antworten erfasst und erstellen zeitnah Ihre Auswertung."
Die KI beherrscht Umgangsformen

Was die Stimme verrät

Zwei Tage nach dem Bewerbungsgespräch bekommt Damla eine Auswertung per Mail. Dem Roboter ist aufgefallen, dass sie schneller redet als der Durchschnitt der Bevölkerung. Und dass sie vor allem positive Wörter benutzt. In ihrer Wirkung ist Damla damit wohl emotional offen und positiv. Dann aber geht es ans Eingemachte. Es geht um Muster in Damlas Sprache, die für ihre persönlichen Charaktereigenschaften stehen.

Unsere Reporterin telefoniert mit Philipp Grochowski. Er ist Psychologe bei dem Aachener Startup, das sie KI entwickelt hat. Sie will wissen: Gäbe es ein anderes Ergebnis, wenn sie beim nächsten Mal lauter oder langsamer spräche?

"Ihre Begeisterungsfähigkeit basiert auf einer großen zugrunde liegenden Neugierde und Offenheit. Das wird nicht beeinflusst durch einzelne Veränderungen in der Sprache."
Der Psychologe Philipp Grochowski über Damlas Begeisterungsfähigkeit

Damla liest noch einmal die dreizehnseitige Zusammenfassung ihrer Analyse. Für diese hat der Roboter gezählt, welche Wörter sie am häufigsten benutzte und wie informativ, autoritär, selbstbezogen oder mutig Damla ist. "Überdurchschnittlich risikofreudig" ist seine Analyse. Unsere Reporterin fragt Menschen aus ihrer Umwelt, weil sie wissen möchte, ob sie die Einschätzung der KI teilen. Ihre besten Freundinnen bestätigen das:

"Auf jeden Fall! Vor zwei Jahren bist du aus dem Flugzeug gesprungen."
Veronika, eine sehr enge Freundin von Damla
"Auf jeden Fall. Wer reist bitte als Journalist direkt nach dem Putschversuch mit zwei Pässen dann noch in die Türkei?"
Sounia, eine andere sehr enge Freundin

Wie die KI das hinbekommt

Damla spricht mit noch einem Mitarbeiter des Startups. Martin Harasim erzählt unserer Reporterin, dass die Grundlage der KI die Testergebnisse mit mehreren Tausend Personen ist, die mit verschiedenen Diagnostiken psychologisch getestet wurden. Untersucht wurde außerdem die Sprache dieser Testpersonen. 

"Wir haben geguckt, wo gibt es Besonderheiten und Auffälligkeiten in der Sprache, die immer dann oder besonders gehäuft oder gar nicht vorkommen, wenn ich ein bestimmtes persönliches Merkmal habe."
Martin Harasim über die Arbeitsweise seiner KI

Mittlerweile wird die Software von fünf größeren Unternehmen und einem Personaldienstleister im Laufe von Bewerbungsverfahren genutzt. Teilweise, um die Eindrücke eines menschlichen Personalers mit denen der KI abzugleichen. 

Damla kommt für sich am Ende der Recherche zu dem Ergebnis, dass sie der Roboter zwar beeindruckt, sie aber dennoch nicht für einen Arbeitgeber arbeiten möchte, der sie erst einmal psychoanalysieren möchte.

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