Jahr für Jahr gehen etwas weniger Menschen ins Theater, in die Oper oder ins Schauspielhaus. Ideen, mehr Menschen für diese Form der Kunst zu begeistern, gibt es. Wir stellen einige von ihnen vor.

Obwohl Experten davon ausgehen, dass die Pandemie spätestens im kommenden Sommer endemisch wird, bleibt es für den Kulturbetrieb weiterhin schwierig: Ganze Konzerttourneen wurden in diesem Jahr abgesagt, weil der Ticketverkauf zu schleppend anlief oder weil ein – aufgrund der Pandemie – mehrfach verschobenes Konzert nun doch nicht mehr in den persönlichen Terminplan passte.

Theater, Konzerthäuser und Opern versuchen, wieder mehr Zuschauer*innen zu gewinne. Wir stellen ihre Strategien vor:

Theater

Auch wenn die Zahlen der Theaterbesucher*innen und der Abonennt*innen nach der Sommerpause wieder langsam gestiegen sind, wie Claudia Schmitz vom Deutsche Bühnenverband bestätigt, so haben immer noch viele die Sorge vor einer Infektion in geschlossenen Räumen.

"Ich denke, das Theater hat den Ruf, dass da mehr ältere Leute hingehen, die viel Geld haben. Ich finde aber auch: Das, was im Theater gezeigt wird, ist nicht so leicht zu verstehen, wie wenn man ins Kino geht."
Simon, findet leichter einen Zugang zu Kinofilmen

Theater-Flatrates sorgen hingegen dafür, das beispielsweise mehr Studierende wie Aniket und Moritz sich wöchentlich ein Stück ansehen. Aniket nimmt an, dass die Aufführung unbekannter Werke ein Grund dafür sein kann, dass ein jüngeres Publikum den Theatern fernbleibt. Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass auch ihr früher der Zugang zu Theateraufführungen gefehlt hat.

"Es wäre wichtig, Werke nach vorne zu stellen, die man kennt."
Aniket, geht wöchentlich ins Theater

Vor allem Menschen zwischen 30 und 40 Jahren gehen seltener ins Theater. Laut Deutschem Bühnenverband hängt dies damit zusammen, dass viele in diesem Alter eine Familie gründen und sich in ihrem Beruf etablieren.

Intellektuelle Herausforderung und Ticketpreise

Hannah Saar, Dramaturgin am Schauspiel Dortmund, sieht zudem die Sorge davor, etwas wissen oder etwas verstehen zu müssen, als Grund dafür, nicht ins Theater zu gehen. Aber auch die Kosten könnten ein Faktor sein, vermutet die Dramaturgin.

Der Regisseur Dennis Duszcak geht auf die Bedürfnisse seines Publikums ein, indem er Stück inszeniert, die unterhalten sollen, die die Zuschauerinnen und Zuschauer packen sollen, egal welches Alter sie haben.

Inzwischen werden die Theater offensiver: Sie sprechen das Publikum gezielt über ihre Social-Media-Kanäle an oder Veranstaltungen in der Stadt.

Losgelöst von roten Sesseln und großer Bühne

Das Schauspielhaus Bochum lädt beispielsweise zu offenen Gesprächen über die Zukunft des Theaters ein. Die Teilnehmenden können bei diesen Veranstaltungen dem Intendanten Fragen stellen und ihre Wünsche äußern.

Viele Häuser setzen mittlerweile außerdem auf Einführungen vor den Stücken. Darin wird mehr zum Inhalt und zur Idee der Umsetzung gesagt. Durch diese und ähnliche Maßnahmen soll ein Austausch entstehen. Das Publikum wird mehr mit einbezogen, um ihm damit den Zugang zu erleichtern.

Philharmonie, Konzerthaus

Wer kein Instrument spielt oder durch die eigene Familie mit klassischer Musik in Berührung gekommen ist, hat bisweilen Hemmungen, sich ein Ticket für ein klassisches Konzert zu kaufen.

Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Ann-Kristin Pott über Strategien von Konzertsälen, mehr Zuschauer*innen zu gewinnen.
"Der Besuch im klassischen Konzert ist ein besonderes Event, viele haben sich chic gemacht. Man sieht aber auch Pullover, Jeans und Sneaker.

Wie ist der Dresscode? Muss man sich besonders schick anziehen? Manche, die sich mit den Gepflogenheiten nicht auskennen, fühlen sich in einer Philharmonie möglicherweise fehl am Platz. Dabei spielt der Dresscode gar keine so große Rolle – viele gehen auch mit Pulli, Jeans und Sneakern in ein klassisches Konzert.

Glamourfaktor macht klassische Konzerte zugänglicher

Marie Babette Nierenz ist Künstlerische Leiterin an der Philharmonie Essen. Sie hat festgestellt, dass bekannte Namen wie der Dirigent Teodor Currentzis es schaffen können, auch Menschen für klassische Musik zu begeistern, die bisher wenig mit dem Genre zu tun hatten.

In der Szene gilt der Dirigent des SWR-Symphonieorchesters als schillernde Persönlichkeit. Über ihn sagt Marie Babette Nierenz: "Der versteht einfach, die klassische Musik wahnsinnig spannend zu interpretieren und sehr viel Energie zu erzeugen auf der Bühne. Das steckt an."

Tickets für ein klassisches Konzert können – je nach Sitzplatz – zwischen 15 und 100 Euro kosten. Deshalb ist einfach reinzuschnuppern für viele keine Option. Sie geben ihr Geld lieber für das Konzert der Lieblingsband aus.

Neue Konzertformate: Erst Klassik, dann ein DJ

Um auch Menschen zwischen 30 und 40 Jahren zu erreichen, hat die Philharmonie in Essen neue Formate entwickelt: Da stehen Künstler*innen wie Joy Denalane zusammen mit einem Orchester auf der Bühne. Anschließend legt ein DJ auf. Allerdings muss die Philharmonie diese Zielgruppe direkt über die entsprechenden Kanäle ansprechen, damit solche Angebot überhaupt wahrgenommen werden.

Einige Kulturhäuser bieten zudem Ermäßigungen oder Sonderaktionen an. Zum Beispiel können Studierende an der Uni Duisburg-Essen oder an der Folkwang Universität der Künste mit einem speziellen Kultur-Ticket für einen Euro ins Konzert. Konzertgänger Marco findet das Angebot gut und nimmt es gerne in Anspruch.

Oper

Die Oper Dortmund, das hat eine Publikumsumfrage aus dem Jahr 2016 gezeigt, hat das am wenigsten akademische Publikum. Dafür ist es aber sehr begeisterungsfähig. Heribert Germeshausen, Intendant der Oper Dortmund, ist es wichtig, Stücke so zu inszenieren, dass auch eine Person, die zum ersten Mal die Oper besucht, verstehen kann, worum es geht.

Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Ann-Kristin Pott über Strategien von Opern, mehr Zuschauer*innen zu gewinnen.
"Wenn das Publikum die Texte, die Inszenierungen von Opern nicht versteht, kommt auch niemand mehr."

Der Intendant glaubt, dass der Zugang zur Oper leichter ist als der zu einem Theaterstück. Weil die Musik direkt ins Herz zielt, wie er sagt. Wohingegen das Publikum im Theater zu allererst verstehen muss, wovon das Stück handelt, um sich nicht zu langweilen.

"Oper ist noch einmal einer obendrauf. Es ist schon ein absurdes Format. Da muss man sich vielleicht noch eher reinfuchsen."
Raphael, ist 36 und geht seit 18 Jahren regelmäßig in die Oper

Bei Operfan Raphael gelingt das, was sich der Intendant Heribert Germeshausen von Operninszenierungen erhofft, sie erreichen und berühren ihn. Obwohl Raphael schon seit 18 Jahren in die Oper geht, kann er nachvollziehen, weshalb für andere der Zugang schwer sein kann.

Es sei ein absurdes Format und man könne die Stimmen auch als schrill empfinden, sagt er. Er glaubt, dass Menschen, wenn sie mit der Oper in Berührung kommen, sich möglicherweise erst einmal "reinfuchsen" müssen, um die Aufführung genießen zu können.

"Es ist die Kunstform für eigentlich jedermann und jederfrau. Es ist eine sehr empathische Kunstform, die tatsächlich Bildungsschranken überschreitend, per se inklusiv ist."
Heribert Germeshausen, Intendant Oper Dortmund
  • Moderation:  Jenni Gärtner
  • Autorin:  Ann-Kristin Pott, Deutschlandfunk Nova